9. Juli 2009 · 11:16
Ärmel in Brusthöhe
Um halb sieben knallt eine pampige Bedienung Frühstück I auf den Tisch – was ist mit Frühstück II? Kein Ei, erklärt sie und deutet vorwurfsvoll auf die Karte: da steht's doch! Am Nebentisch I sitzt ein Consultant mit einem anderen Mann und erklärt sein Leben als Consultant. Alle fünf Minuten ein frisierter Lebenslauf. Am Nebentisch II (Frühstück I) blättern sie in einem Modejournal und finden die Problemzonenberatung etwas problematisch. Erst die kleine Sehnsucht beim Anblick der genormten Körper: Ach, könnt ich das doch tragen. Dann dies: »Sie sind zu klein! Oder haben breite Hüften!« Die eine liest laut vor, die andere lauscht ganz still. Gucken, nicken, Kopfschütteln, alles nacheinander, nö! Aber es wird unerbittlich weiter gelesen: »Vermeiden Sie, was in der Hüftgegend zusätzlich Fülle verleiht.« Und: »Ärmel dürfen nicht in Brusthöhe enden.«
Mit diesem Satz lässt sich der ganze Tag verbringen. Ärmel in Brusthöhe. Nicht! Nie! Enden! Aber weiter, noch zwei große Milchkaffee für Nebentisch II, denn Frühstück I bot bloß den kleinen an. Und das Schulterproblem ist noch immer nicht gelöst, denn »bei zu schmalen Schultern«, die soll es ja auch geben, braucht es »über den Schulterknochen hinaus endende Abnäher.« Da lauscht jetzt sogar Nebentisch I, denn das klingt irgendwie gefährlich. Und bei langen Armen? »Halbarm unterbricht positiv.«
Nebentisch I (Consultant mit Mann, der kein Consultant ist) berät sich jetzt auch: Halbarm unterbricht positiv, also: wenn du so affenartig lange Arme hast, trägst du Kurzarmhemden, weil die Arme dann – nein, auch nicht. Oder doch? Schon mal einen Affen im Hemd gesehen? Ja, im Fernsehen. Na, da gehört nix zu, im Fernsehen sind so viele Affen. Charly heißt der. Affe, der alles trägt, auch Kurzarm.
Nebentisch II fühlt sich jetzt unglücklicherweise gemeint und zischt empört herüber, und man möchte so gern den Modejournal vorlesenden Nebentisch II mit dem das Leben als Consultant erläuternden Nebentisch I zusammenführen, zwei Männer, zwei Frauen, was brauchst du denn noch, bloß macht diese pampige Bedienung alles zunichte, die schon morgens um sieben so ungeheuer schlecht drauf ist, dass sie um Ruhe bittet und das Tagebuch somit geschlossen wird. Trinken Sie Milchkaffee und krempeln Sie die Ärmel hoch.
