Am Herzen
20. Oktober 2009 · 16:00
Wer Zeit hat, macht sich Gedanken, zum Beispiel vor dem Supermarkt. Da sitzt ein Mann vor den geparkten Einkaufswagen, hat da seit Jahren seinen Platz, guckt auf die Leute und die gucken auch manchmal zurück. »Bin am Herzen krank« hat er auf einem handgemalten Schild stehen, und da erinnern sie sich jetzt, dass er dieses Schild schon ewig hat, es also schon vor Jahr und Tag am Herzen hatte, falls das Schild denn, wie sollen sie sagen, korrekt beschriftet ist, denn: denken Sie mal ans Wetter. Es ist kalt, es ist heiß, es regnet und der Wind fegt durch, und er bleibt sitzen. Sie überlegen, ob er in diesem Fall tatsächlich so krank sein kann, sehen es andererseits aber positiv: er ist immer draußen an der Luft.
Er wirkt ja auch recht fit. Mit meinem Mann ist das gar nicht so, der hat es nämlich auch am Herzen und läuft immer rot an, besonders wenn er sich aufregt.
Das muss mit dem Herzen gar nix zu tun haben.
MEIN MANN HAT ES ABER AM HERZEN! Der hat eine 60-Stunden-Woche!
Ist ja gut.
Dann kommen sie darauf, dass die Sache mit dem Herzen vielleicht, wie sollen sie jetzt sagen, bildlich gemeint ist, blumig, also: symbolisch. Dass der Mann womöglich Liebeskummer hat. Ganz still ist es für einen Moment, bis die leise Frage kommt: die ganze Zeit (Sommer, Winter, Wind und Wetter)?
Ja, so kann's gehen. Andererseits: wo soll er den Liebeskummer denn her haben? Hockt doch hier immer allein.
Ja eben!
Ach so, Sie meinen – oh, das tät mir jetzt aber leid.
Und dann wispern sie einander ganze Lebensgeschichten zu, die alle mit dem Zusatz enden: in der heutigen Zeit. Arbeitslos geworden und mit dem Trinken angefangen (obwohl: der hat hier nirgendwo ne Flasche), in Mietrückstand geraten, Heim verloren, Frau verloren, Herz gebrochen, siehste, so geht's. So ist es immer in der heutigen Zeit. Und wer dann niemanden mehr hat – ach, sie mögen gar nicht daran denken.
Irgendwann, sie sind ja fast den Tränen nah, nähert sich ein Mann mit vollen Supermarkt-Tüten, und wie er aussieht, bisschen rot im Gesicht und arg gestresst, könnte es der Herzkranke sein, jener, der sich immer so aufregt und dann rot anläuft oder auch erst rot anläuft und sich darüber dann aufregt, was weiß man von den Leuten schon, oder einer, der langsam am Ausflippen ist, weil er schwer beladen aus dem Supermarkt kommt, während seine liebe Frau hier draußen die Oktobersonne genießt, ein Mann jedenfalls, der seine Frau anschreit: »JETZT QUASSEL HIER NICHT, JETZT GIB DEM DOCH MAL WAS!«
Und sie? Sie sind gerade nicht so nett zueinander, sie schlägt ihm fast eine Tüte aus der Hand und schreit: »Wie denn? DU HAST DOCH DAS GELD!«
So einfach ist das manchmal. Aber der Mann mit dem Schild ist inzwischen fast eingeschlafen.