17. März 2010 · 21:47
Das Elend und die Rasierklinge
Für die in einer netten Gegend lebende freischaffende Feuilletonistin ist es selbstverständlich, zu Hause, im geräumigen Altbau, »eine Einheit aus Arbeit und Leben zu leben.« Mit so einer Formulierung käme sie zwar bei einer stilsicheren Redakteurin niemals durch, aber was man einmal drauf hat, hat man drauf, zum Beispiel das Ansinnen, ein Text, also beispielsweise mal ein Buch, möge »Verständigungsgrundlage« sein für das »Milieu«, in dem sich Schreiber und Leser so bewegen. Das sind zwei ihrer Lieblingsworte: Verständigungsgrundlage. Milieu.
Das Milieu, das sie beruflich sehr schätzt, ist elend. Niemals vergisst sie auf die Lage »sozial Schwacher« hinzuweisen, »ausgegrenzt« von »den Verhältnissen«. Das ist wie mit den Hunden Pawlows und dem Futter: Verhältnisse. Sozialschwach. Ausgegrenzt.
Weil sie recht gerne über das Elend schreibt (»elende Verhältnisse«), wäre es vermessen, ihr zu unterstellen, es ginge ihr gut, solange es anderen schlecht geht, doch lässt die Reflexhaftigkeit, mit der sie bei der Rezension noch des schmalsten Gedichtbandes die Analyse »gesellschaftlicher Verhältnisse« fordert (sich verschärfender g.V.!) und alle prügelt, die das versäumen, darauf schließen, dass sie und andere es sich in diesen Verhältnissen gemütlich genug gemacht haben, um deren Verschärfung mit einem merkwürdigen Behagen zu verfolgen, ja.
Heute Morgen verspürte ich eine heftige Zuneigung zu einem in die Jahre gekommenen Werbetexter, der kurz und schmerzlos erklärte: »Zur Zeit betexte ich eine Rasierklinge«. Ja, das geht.
Denn es ist schon eigenartig, bisweilen hocherregte Bemerkungen über Bücher zu lesen, von denen man noch nichts gewusst hat und sich dann fragt, was muss da drin stehen, dass Rezensenten hyperventilieren? Der Werbetexter würde fragen, sind die zu kurz gekommen, vereinfacht formuliert also: was kompensieren Sie gerade, was agieren Sie da aus?
