9. Januar 2009 · 13:47
Das Gewicht der Welt
im Fernsehen: bei »Big Brother« oder »The biggest loser«. Leute mit Übergewicht melden sich beim Fernsehen, um öffentlich abzunehmen, und die Leute beim Fernsehen nennen das Abnehm-Show. Da sitzen die Teilnehmer dann, sehr unglücklich mit sich selber, einer etwas schlankeren Moderatorin gegenüber, die dauernd so ein Gesicht zieht, als trüge sie allein das Gewicht der Welt, und erzählen, was sie schon alles versucht haben um abzunehmen und wie das so ist, beleibt unter anderen.
Wäre Übergewicht ihr Problem, hätten sie sich aber nicht beim Fernsehen gemeldet. »Auf Tonband aufgezeichnete Gespräche«, schrieb in den fünfziger Jahren der Soziologe Henri Lefebvre, »würden in armseliger Eloquenz das Elend und die Erbärmlichkeit des Alltags zeigen. Die Analyse des Inhalts dieser Gespräche würde schnell eine Reihe von Themen bloßlegen: Einsamkeit, Monotonie, Unsicherheit, Diskussionen über die Vorteile und die Unbequemlichkeiten der Ehe, des Berufs...« Denn nur am Rande bestimmen »große Dinge« wie Politik, Geschichte, Kultur die Welt des Menschen – »in anderer, ebenso akzeptabler Hinsicht«, so Lefebvre, »ist allein der Alltag für den Menschen wichtig.«
Dabei verdeutlichen herausposaunte Wichtigkeiten wie »Ich habe schon vierundzwanzig Diäten hinter mir« weniger die Dringlichkeit des Anliegens als vielmehr die Angst, mit seiner Alltäglichkeit, seinem Leben gleichsam zu verschwinden. Jetzt gehe ich ins Fernsehen, das bin ich und das ist mein Leben. Paul Watzlawick hat einmal beschrieben, wie sehr sich noch jede massive Auseinandersetzung, bei der es zu einer »Verwerfung« der Ansichten und der Selbsteinschätzung des Gegenübers kommt, positiv von der Nichtbeachtung, einer »Entwertung« des anderen, unterscheidet: »Während die Verwerfung letztlich auf die Mitteilung ‘Du hast in Deiner Ansicht über Dich unrecht’ hinausläuft, sagt die Entwertung de facto: ‘Du existierst nicht’.«
Oder: Für das iPhone gibt es »Fake Caller« zu kaufen, die lassen es klingeln und keiner ist dran. Aber sie lassen es klingeln.
Oder William James: Könnte eine »unmenschlichere Strafe« erfunden werden, »als dass man in der Gesellschaft losgelassen und von allen Menschen völlig unbeachtet bleiben würde?«
