Der Mann im Zug
19. April 2009 · 15:51

Hotelbar, dann Zug, denn die Nacht war zu kurz. Langsam wird es hell. Die Zugbegleiterin schlurft durch und findet, Kontrolle lohnt noch nicht, ein Mann starrt seinen Laptop an. Auf dem Monitor eine Powerpoint-Präsentation, über die er mit dem Finger fährt, von oben nach unten, im Kreis, von links nach rechts, dann wieder von vorn. Er geht alles durch, muss die richtigen Worte finden, wenn er das vor ihnen macht, wer immer die sind. Er ist sehr angespannt, schwitzt, zieht das Jackett aber nicht aus. Alles muss sitzen, jetzt schon, später ohnehin. Frei sprechen, nicht vorlesen, das ist der Trick, denn die gucken ihn an und hören ihm zu. Sind jünger als er, ganz sicher, die merken sich seine Fehler und lachen sich kaputt.
Die Bildzeitung liegt auf dem Sitz. Entweder schlafe ich ein oder ich starre den Mann weiter an, also zum Wachbleiben Bild-Überschriften addieren und die Summe der Bild-Bilder abziehen: das ist das Vorhaben. Man könnte aber auch eine Textaufgabe basteln, ein Reporter haut 5 Fehler in 2 Artikel und geht dann 12 Schritte vom Schreibtisch bis zum Kaffeeautomaten, wofür er 21 Sekunden braucht. Berechne sein Alter.
Wolfsburg. Draußen scheint es wieder dunkler zu werden. 200 km/h, 100 km Tristesse. Der Mann starrt weiter auf den Monitor. Die Zugbegleiterin kommt zurück, streckt die Hand aus, kriegt die Bildzeitung, die sie nicht haben will. In ihren Augen Empörung, sie lässt sich doch hier nicht – nein, Verzeihung, war ein Versehen. Also das Ticket, das Online-Ticket – sie knallt die flache Hand drauf, da fehlt noch was. Richtig, die Kreditkarte. Gebe ich ihr jetzt die gleichfarbige Bankkarte, wirft sie mich aus dem Zug. Sie guckt sehr lange, das macht sie mit Absicht, hat sicher auch nicht geschlafen.
Die Hände des Mannes zittern, als er ihr sein Ticket gibt. Dann fängt alles von vorne an, nur diesmal mit Hilfe des gerade kontrollierten Stückchens Papier: über den Monitor, von oben nach unten, im Kreis, von links nach rechts. Luft holen, immer wieder. Schließlich ein leichter Schlag auf die Tastatur. Kaum Luft. Er hat keine Zeit mehr, das ist womöglich sein letzter Job, darüber hat er sich keine Gedanken machen wollen, allein am Tisch, frühmorgens, als die Frau noch schlief, da ging es nur darum, den frühen Zug zu kriegen, jetzt fährt der frühe Zug ihn zu diesen Leuten und vielleicht hängt ein bisschen Leben davon ab, vielleicht auch nicht.