13. Juni 2009 · 20:49
Die Beistandleisterin
Anna, Name geändert, leistet Beistand im Radio. Ratsuchende rufen an und lassen das Sendegebiet an ihrem Problem teilhaben, und am liebsten sind Anna jene, die das präzise tun: Knapp umrissen, exakt geschildert: ich habe ein Problem.
Sie fragt den Sendeleiter, der eine Vorauswahl unter den Anrufern trifft, was denn so anliegt. Der Sendeleiter sagt, bislang sind es zwei Angstneurosen, eine Depression, ein Kontaktsuchender und eine, die irgendwas mit Männern hat.
Ach was. Anna entspannt sich. Das sind Fakten. So will sie es haben, nur das Problem. So wie sie, als sie noch in der Verkehrsredaktion arbeitete, ja auch bloß wissen wollte, wo der zäh fließende Verkehr gegebenenfalls zum Erliegen kam. Je exakter ihr das Problem offenbart wird, desto besser kann Anna auf Sendung Beistand leisten.
Kurz und präzise, aber im Ernstfall dann doch nicht allzu lakonisch. Sie hatte mal einen Anrufer, der sagte bloß: »Wenn das so weitergeht, spring ich in den Rhein«, ja du lieber Gott. Was sollte so weitergehen, vielmehr sollte keinesfalls so weitergehen? Dazu hat der Mann sich nicht geäußert, wahrscheinlich wollte er sie nur düpieren – um es vornehm auszudrücken. Anna hat einen Horror vor solchen Typen, denn die machen ja zunächst so einen verständigen Eindruck und sagen dann plötzlich, live auf Sendung: »Wissen Sie, ich fühle mich von Pferden magisch angezogen«, da steht sie dann da. Gekicher im Hintergrund, ganze Party hört mit. Alles schon vorgekommen.
Am liebsten sind ihr die, die bloß verkuppelt werden wollen, niemanden haben und das dringend ändern möchten, denn da kriegt sie so ein verzehrendes Gefühl. Es wird sich doch jemand finden, sagt sie dann, aber du musst natürlich auch ... und darfst nicht immer nur ... denn es ist ein Nehmen und Geben. Die verlorenen Anrufer sagen dann meist, dass sie das ja alles wissen, so im Kopf halt, da ist ihnen das klar, im Kopf. Aber sie haben einen Musikwunsch frei, und viele wünschen sich Don't Leave Me This Way, als hätte alles, bevor es anfängt, schon sein Ende.
Ein Alptraum sind dagegen jene, die immer wieder den Faden verlieren, kein Ende finden und den Anfang längst vergessen haben, atemlos und fahrig und zu jedem Geständnis bereit. In der letzten Sendung sagte eine Anruferin, sie hätte da ein Problem und kam, bevor sie das Problem überhaupt beim Namen nannte, auf ihre Kindheit in der Lüneburger Heide zu sprechen, entsetzlich. Das ist wie mit dem liegengebliebenen LKW am Hattenbacher Dreieck aus Annas Zeit in der Verkehrsredaktion, da brauchte sie auch nicht das Baujahr. Die nicht zu Potte kommen, sind die Schlimmsten – und jetzt das rote Lämpchen. Sanfte Musik. Dann der erste Anrufer, der sich gleich verhaspelt: also, es ist so ...
