Die fehlende Flagge
13. Juni 2010 • 19:10
Herr Z., Annis Gatte, hängt vor jedem Kick der deutschen Nationalmannschaft die Flagge des Gegners aus dem Fenster. Egal, welcher Gegner das ist: draußen flattert seine Fahne. Frau Anni Z. traut sich dann kaum aus dem Haus, zumal die halbe Nachbarschaft vor dem Fenster überlegt, wie das denn sein könne, wo flattert Deutschland?
Jetzt bei der WM wehen zunächst drei Flaggen aus dem Fenster der Eheleute Z. und sorgen dafür, dass die Kommunikation auf der Straße nicht abreißt: Australien – wird vom Flaggen-Design her bisweilen mit den USA verwechselt –, Serbien – die Flagge halten viele für französisch – und Ghana – da denken einige wiederum an Brasilien. Aber wir spielen nicht gegen Brasilien, erklärt eine Frau ihrer Freundin, wenigstens nicht in der Vorrunde. Die Freundin, bei ihr muss man gewissermaßen am Anfang beginnen, möchte wissen: welche Vorrunde? Die Freundin der Freundin hakt sich erneut an der Flagge fest und meint, die von Brasilien ähnele ihren Sofakissen, so von der farblichen Optik her. Aber Brasilien ist doch nicht in der Vorrunde, sagt die Freundin jetzt, das neu erworbene Wissen munter ausspielend, worauf die Freundin der Freundin erklärt, natürlich spiele Brasilien in der Vorrunde, halt nur nicht gegen Deutschland. Wobei sie direkt wieder auf das eigentliche Thema kommt: wieso hängt die deutsche Fahne nicht aus dem Fenster des Z.?
Weil wir vielleicht nicht in der Vorrunde spielen, sagt die Freundin, worauf es bald zu einem Handgemenge da unten kommt, natürlich spielen wir in der Vorrunde!
Aha.
Wie alle anderen auch!
Wenn du meinst.
Drinnen ist Herr Z. nach wie vor nicht bereit, seinen Mitmenschen zu erklären, warum er neben der Flagge der gegnerischen Mannschaften nicht wenigstens den Zipfel eines deutschen Fähnchens aus dem Fenster zu hängen bereit ist. Stattdessen versucht er mittels Versuch & Irrtum herauszufinden, ob die eigentlich für den sehr lauten PC gekaufte Antidröhnungsmatte für den Fernseher zu gebrauchen ist, um das allseits feststellbare Tröten-Trauma zu bewältigen, handelt es sich doch um eine, so steht es auf dem Beipackzettel, »hochwertigste, mineralisch gefüllte Spezialmatte zum Entdröhnen\Dämmen von Blechteilen« – nur echt mit Backslash. Der Fernseher des Z. ist aber nun kein Blechteil und die Vuvuzelas, erklärt seine Frau, sind aus Plastik. Die Nachbarin draußen vor dem Fenster würde ja ohnehin lieber brasilianische Samba-Trommeln hören statt südafrikanischer Tröten, aber sie ist immer noch dabei, ihrer Freundin zu erklären, warum Brasilien zwar in der Vorrunde spielt (»wie alle anderen auch!«), in derselben aber nicht gegen Deutschland antritt – oder jetzt doch?
Vielleicht hat das alles seinen Sinn, dass Herr Z. die deutsche Fahne vor der Welt versteckt.