»Reality is frequently inaccurate«

15.04.09
18:23

Digital daneben

Digitaler Lebensstil: Beispielsweise wird der Terminkalender auf dem Rechner mit dem Handy synchronisiert, wenn man dran denkt. Schöne Sache, schleppst kein 400-Blatt-Monstrum herum (Tageskalender und jede Menge "Raum für Ihre Notizen"), sondern guckst aufs Handy, das dir eine übersichtliche Liste präsentiert, außer bei Sonnenschein, da sieht man nichts. Und dann ruft einer an, will einen Termin ausmachen und man stellt fest, dass man keine Ahnung hat, wie man jetzt telefonierend an den Handy-Kalender kommt. Warte mal – fummeln, Kalender kommt nicht – bist du noch dran? Nein, er ist auch weg. Papierlos – wir rufen zurück.
Es geht aber noch besser: Längst kein ordinärer Kalender mehr auf dem Rechner, sondern ein so ausgefeiltes wie hässliches To-Do-Programm, das alles frisst, Termine, Ideen, Notizen, ganze Projekte mit wunderbar gegliederten Ober-, Unter- und Unternebenpunkten. Dann beim Meeting: Gefummel. Kleine Schrift. Vom Ober- zum Unterpunkt: mit dem Finger drüber, dann müsste er – nein, das war der falsche. Alles auf Anfang, hier ist der Oberpunkt. Man verrutscht so schnell. Also, was ich sagen wollte – Stille, alle gucken zu, wie man hadert. Lesebrille muss her. Wirklich sehr kleine Schrift. IRGENDWAS BLENDET HIER. Ah ja, da steht es doch, reden wir drüber. Wir reden drüber, bitte nächster Punkt – Display hat sich zwecks Stromsparen ausgeschaltet. Alles von vorn, Ober-, Unterpunkt – um was ging es gerade?
Letztlich drauf gekommen, alles auszudrucken. Papier in der Hand halten, Notizen an den Rand schreiben: sehr schön, sehr klar. Keiner fragt mehr, was ist das und wie geht das: analoger Lebensstil. Mühelos.

© 2010 Astrid Paprotta | post (at) astrid-paprotta.de | Newsfeed (RSS) | Mit Textpattern | Impressum