“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

2. September 2009 · 07:34

Stadt Land Fluss (2)

Durch die ganze Nacht, Wind ging, Regen fiel und ein Taxi war zu teuer. Das ganze Leben unerschwinglich.
Eine Frau am Straßenrand strich sich das Haar hinters Ohr, einmal, zweimal, alle Augenblicke, dabei konnte man ein schönes Armband sehen. Drei Zimmer mit Erker? Bestimmt. Riesenräume, luftig, vielleicht auch vier. Flügeltüren. Genau. Damit könnte man ins Fernsehen: wetten dass man wusste, wie es in den Wohnungen von Leuten aussah, die man gerade erst kennengelernt hatte? Genau genommen war das keine Kunst, man kam ja doch immer wieder in dieselbe Wohnung. Karg, je reicher die Leute waren, also: minimalistisch. Die hatten so viele Zimmer, dass sie alles hübsch verteilen konnten. Diese Frau bewohnte Altbau, aber ja. Nicht den verschimmelten, wo die Treppenflure stanken – den renovierten. Man müsste gucken, ob sie ein Ledersofa oder so ein kuscheliges mit vielen Kissen hatte, sie war der Typ für beides.
Und jetzt stand sie da und wurde ganz nervös, als sie das gelbe Taxilicht im Regen sah. Was jetzt? Ein wenig oder wieder nichts. Sie ging ganz langsam auf das Taxi zu.
Weiße Wände, kein Schnickschnack, vielleicht stand ein Klavier irgendwo rum. Schön. Aber nicht träumen – reden! »Nehmen Sie mich ein Stück mit? Ich halt's bald nicht mehr aus!« Man hätte auch nur sagen können: ich hab halt keinen Schirm.
Die Frau strich sich das Haar hinters Ohr. »Wo müssen Sie denn hin?«
»Erst mal weg hier.« Also schnell auf den Rücksitz, bevor sie es sich anders überlegte.
Die Frau nickte und nannte dem Fahrer eine gute Adresse. »Wo müssen Sie denn raus?« fragte sie wieder.
Wusste man nie so genau. Ein paar undeutliche Gestalten am Straßenrand, Tölen. Liefen noch mal eben um den Block, ganz zerknitterte Herrchen hinter sich. Späte Fußgänger duckten sich im Regen und machten, dass sie von der Straße kamen. Aus den U-Bahn-Schächten kamen die verhinderten Selbstmörder und spannten die Schirme auf, lauter Miseren im Kopf. Im Radio des Taxifahrers flüsterten sanfte Ratgeber mit lauter späten Anrufern, die der Stadt mitteilten, dass sie nicht mehr konnten. Zitternde kleine Stimmen in der Nacht; sie erzählten, dass sie seit geraumer Zeit diese Ängste hätten, als wäre Angst nicht schon schlimm genug, und die Ratgeber murmelten: »Wie lange haben Sie das schon?«
Ach je, schon viel zu lange.
Erst mal weg hier. Erst mal weiter. Erst mal weiter und dann weitersehen.

(Anm. d. Red.: Das war eine frühe Version. Ein paar Leute aus Köln wollten noch mal gucken.)