„the truth is out there“

Ein Satz für die Nacht

2. August 2009 • 08:18

Die Frau in der Hotelbar kann nicht aufhören, SMS zu schreiben. Sie tippt und legt das Handy weg und wartet, ob ein Licht vom Himmel fällt, doch es kommt keine Antwort und sie fängt von neuem an. Sie tippt sehr schnell, und der Mann hinterm Tresen sagt zu seinem Kellner, dass sie womöglich einen Roman schreibt, so einen Häppchen-Roman mit 160 Zeichen pro Kapitel, verstehst du, den andere dann abonnieren können.
Aber das sind keine 160 Zeichen, denn irgendwann gräbt sich der Rhythmus ins Hirn, hörbar durch die Tastentöne, sie schreibt ja immer dasselbe. Sie hat nur diesen Satz.
In ein paar Jahren wird das so sein, sagt der Mann hinterm Tresen, nur noch 160 Zeichen pro Kapitel, keinesfalls mehr.
Vielleicht sendet sie das nicht. Bloß ein Entwurf, wie sag ich das jetzt?
BITTE MELDE DICH, ach, das klingt so, wie es ist und vielleicht soll es nicht so klingen, vielleicht schreibt sie besser LEBST DU NOCH? Das ist so ungefähr dasselbe.
Oder man kombiniert das, ICH LEBE NICHT, WENN DU DICH NICHT MELDEST, aber wer wird sich denn so gehenlassen?
Das will sie ja auch nicht. Zwischendurch knallt sie das Handy so fest auf den Tresen, als wollte sie sagen, schreiben: NICHT MIT MIR! Aber sie fängt wieder an und tippt dasselbe von vorn, und der Kellner und sein Barmann lachen sich halb tot.
Egal, sagt sie später, als der Barmann sie fragt, ob sie zahlen will. Sie zahlt und geht und hat die halbe Nacht überstanden mit einem einzigen unfertigen Satz.