9. April 2010 · 19:55
Einkehr
Dieser Händler, der ganz versteckt auch Kaffee verkauft, hat ein 2-Personen-Sekundenzelt im Angebot. Das ist praktisch überall einsatzbereit, du machst deine Wege und hast ein Zelt dabei. Feine Sache, findet auch die Nachbarin, die sich in erster Linie dafür interessiert, wie man das 2-Personen-Sekundenzelt aufbaut. Die Produktbeschreibung berichtet, man müsse »mit gestreckten Armen die Zugschnur nach oben ziehen«. Also bloß nicht mit angewinkelten Armen nach oben – dass wir da keinen Fehler machen.
Und dann? Ja, dann kriechen Sie rein, sagt die Nachbarin, falls Sie zu zweit unterwegs sind. Also beispielsweise in der Stadt. Da das 2-Personen-Sekundenzelt, wie die Produktbeschreibung erzählt, sich wie ein Regenschirm aufspannt, haben wir bei einem Platzregen in der City immer ein Plätzchen für uns.
Überhaupt ist das 2-Personen-Sekundenzelt eine feine Gelegenheit, um sich in der Öffentlichkeit einmal zurückzuziehen, hat es doch einen »Netzeinsatz zur Belüftung« und ist außerdem »selbsttragend und platzsparend.« Was uns nur irritiert: auf dem Werbefoto zum 2-Personen-Sekundenzelt sind drei Menschen abgebildet (3 Personen)! Was wollen sie uns damit sagen? Lange sehen wir hin und erahnen den Zoff, der entstehen wird, wenn das 2-Personen-Sekundenzelt innerhalb von Sekunden aufgebaut ist (Arme nach oben!) und einer draußen bleiben muss. Wer wird das sein? Und warum? Was macht das mit der 3. Person? Diese, wir spekulieren mal, 5-Jahre-Demütigung ist auch selbsttragend, das ist gewiss.
Ach wissen Sie, erklärt die Nachbarin, die Frau in der Mitte ist vielleicht die Marketingleiterin, die den beiden links und rechts noch schnell erklären will, wie sich ein emotionaler Zusammenbruch vermeiden lässt, wenn das 2-Personen-Sekundenzelt sich eben nicht mittels gesteckter Armen in ein lauschiges, wasserabweisendes, belüftetes Plätzchen verwandeln will. Die Nachbarin kommt ja nicht darüber hinweg: mit dem Aufspannen ist es nicht getan! Lesen Sie mal, was da alles beiliegt: »4 Spannleinen, 4 Bodenösen, 8 Heringe«.
Die Heringe sind für den Notfall, oder? Wenn es klemmt, und man so schnell nicht wieder herauskommt. Denn womöglich entfaltet sich in einem 2-Personen-Sekundenzelt ein schlecht belüfteter Beziehungsstress, wenn man die Zugschnur mit gestreckten Armen so sehr in die Höhe gezogen hat, dass einem Spannleinen und Bodenösen aus dem Ruder laufen, woraufhin das ehemals lauschige Sekundenzelt zur tagelangen Falle wird, und dann essen wir die Heringe, so haben die sich das fürsorglich gedacht.
Blödsinn, sagt die Nachbarin, die Heringe werden eingeschlagen.
Wirklich? Was ist denn das für eine Art?
In den Boden, sagt sie. Heringe und Ösen gehören praktisch zusammen, waren Sie noch nie zelten?
Nein, ich glaube nicht. Und wenn, ist es so schlimm gewesen, dass ich mich nicht erinnern mag. Mein Mann und ich, erzählt die Nachbarin, haben einmal im Fichtelgebirge gezeltet – aber das ist eine andere Geschichte und die geht euch nichts an.
