amtsmüde

Einzelheiten

28. Dezember 2009 · 15:36

Die Sonne am Himmel war stehengeblieben und gleich hinter der nächsten Ecke schon hätte das Meer warten können und ein Hafen und Schiffe im Hafen, New Orleans, Hong Kong, San Francisco. Und du hast gewusst, du wirst nie sterben. Keiner stirbt! Noch Stunden nach Sonnenuntergang ein Meer von Abendhimmel, alle Fenster und Türen offen, und die Schwalben in weiten Bögen... Es muss im Juni gewesen sein. Wir standen alle wie fröhliche geile Kinder beisammen und wussten, dass es mit allen unseren Wünschen seine Richtigkeit hat...
Wo ist der Tag denn hin? Wie auf den eigenen Spuren jetzt hier nach dem Regen den Rinnstein entlang. Unwillkürlich vor Müdigkeit fängst du zu hinken an. So müde am Abend, als ob wir jeden Tag wieder unser ganzes Leben erlebt hätten und immer neu leben müssten, ein langer Tag und das sammelt sich, hat sich so angesammelt: Einzelheiten. Soviel Gesichter gesehen, soviele Blicke trägst du auf dir herum und all die Stimmen in deinem Gedächtnis. Im Wind da vorn über die Kreuzung: als ob du dir nachkommen solltest; wann ist es denn dunkel geworden? War vorher der Himmel wie blaues Glas, beinah wie ein Kirchenfenster und jetzt schwer ein Messing-, Kupfer-, ein Bronzehimmel. Da vorn gehts zum Bahnhof: ein Bahnhof nach überallhin.

Peter Kurzeck: Keiner stirbt (Basel, Frankfurt 1990)