Flohmarkt
2. Februar 2009 • 13:55
Für geplagte Second-Hand-Anbieter gilt bisweilen: Spießrutenstehen. Eine Frau verkauft Klamotten, aus denen sie gewissermaßen herausgewachsen ist. Vernünftiger Gedanke, alles zu verscherbeln, was längst nicht mehr passt, doch Ramsch-Flaneure sind herzlose Menschen: »Was denn, in das enge Teil ist die mal reingekommen?«
Lässt man die Hehlerware außen vor, ist der dargebotene Trödel ja auch ziemlich persönlich. Aufgetischt werden Lebensabschnitte, kleine Kapitel aus Biografien, manchmal das aktuelle Befinden, mit und ohne Sprung. Ein Mann um die 50 präsentiert Korbsessel, einen Inka-Wandteppich, einen Flokati und allerlei Getöpfertes. Vor ihm ausgebreitet liegt eine Lehrer/ -Sozialarbeiterexistenz aus dem vergangenen Jahrhundert, jetzt fehlt nur noch das Pappschild Alles muss raus. Verwandelt sich der Flohmarkt in ein Museum ausrangierter Lebensstile, scheinen die Verkäufer sich selbst zu wundern, dass es welche gibt, die stehenbleiben. Ausgeträumt. Weg damit. Fast ein bisschen peinlich, dieser Krempel.
Weg damit. Augen zu und durch. Das ist bisweilen harte Arbeit. Leute, die jedes Stück vom Leben auf 50 Cent herunterhandeln wollen, laufen auf dem Flohmarkt zu Hochform auf. Steht eine schüchterne Frau zwischen Tassen und Tellern und erzählt, es sei das allerfeinste Porzellan. Schönes Porzellan, bestes Porzellan, bitte kaufen! Die Preisdrücker melden Bedenken an: bitte umdrehen! Also, wo ist der Stempel? Ist es nicht von Villeroy und Dings, taugt es nix. Die schüchterne Frau indes hat von Markenware scheints noch nie gehört. Das Porzellan, erklärt sie beschwörend, ist nicht von Villeroy und Wasauchimmer, das ist von ihrer Mutter! Früher einmal gehegt und gepflegt: bitte fünf Euro für Tasse und Teller, bittschön 30 für ein Sechspersonenset. Darauf haben die Preisdrücker aber gewartet, fürs Sechspersonenset zählt nur der Sonderpreis.
Sonderpreis? Die Frau zieht das Tischtuch gerade, auf dem die Siebensachen liegen; alles ist zum Sonderpreis. Auch das WaldundWiesen-Panorama und die Vase mit Sprung. Ein lebensgeschichtlicher Sprung sozusagen, Konto leer und Hund ist tot, der Mann ist weit weg und der Bub ist auch verschwunden, am liebsten würde sie gar nichts verkaufen, zumindest nicht das schöne Porzellan!
»Guck mal: Blümchenmuster«, raunen die Preisdrücker einander zu und haben wieder Grund zu meckern: »Seniorenkitsch.«
»Ja«, sagt die Frau mit dem Porzellan, »meine Großmutter hat auch ganz ein schönes Gedeck gehabt.«
»Wo isses?«
»Schon lang kaputt.«
Schade, sagen die Preisdrücker. Irgendwie schade um das Zeug.