“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

13. Mai 2009 · 22:09

Ganz fern, ganz nah

Was ist guter Journalismus – zum Beispiel in der Königsdisziplin, der Reportage (die, für die man raus muss)? Man merkt ihm nichts an, er drängt sich nicht auf. Er deutet und belehrt auch nicht und zeigt statt zu erklären, er ist nicht allwissend und gibt es nicht vor. Er hält Fakten bereit, ja sicher, aber vor allem will er erzählen. Mit Worten malt er eine fremde Welt, die eigene nie. Denn er kriecht in andere Leben und versucht die Welt neu zu sehen: mit anderen Augen.
Da muss man schon aufpassen beim Schreiben. Das Kind in der Suppenküche: »...verdeutlicht das ganze Elend der Kinderarmut hierzulande.« Game over, schon im ersten Satz. Ich möchte doch etwas über das Kind erfahren. Was erzählt es? Was macht die Mama und warum sind die Doofen denn doof? Welche Schuhe trägt es, schämt es sich für seine Schuhe? In einer dieser Siedlungen am Rand habe ich Kinder gesehen, die auf ihre Schuhe Sterne malen, die an ein schönes Logo erinnern, und ich wünsche mir eine Reportage, die mir erzählt, wie viel Stress das ist und warum sie das tun und wie sie da sitzen und mit kleinen Händen mühsam alles richten, bis es gut aussieht, also: fast echt. Aber ich will keine Sätze lesen wie »... sind sie schon im Alter von sechs Jahren auf bestimmte Marken konditioniert. Die Erwachsenen machen es ja vor ...« – denn jetzt sehe ich den Schreiber und nicht mehr das Kind. Und das ist schlecht.
Guter Journalismus taucht ein in andere Lebenswelten, beim weniger guten hüpft die Gesinnung des Schreibers aus den Zeilen hervor wie Kai aus der Kiste. Bloß will ich von dem gar nichts wissen, jedenfalls nicht, wenn er schreibt (oder hüpft). Schlechter Journalismus glaubt sich stellvertretend für seine Leser empören zu müssen (schlechte Literatur übrigens auch), aber eine Reportage darf kein Flugblatt sein, eher eine Fotografie, ein Zoom auf das Andere.

Und mal neu kombiniert: Der FAZ-Artikel von Miriam Meckel ist ein schöner Anlass für eine Überlegung, was uns am Journalismus denn begeistern kann – in Blättern und Sendern. Und Netzen.