24. April 2009 · 11:31
Gerade jetzt
Da haben wir so einen Brennessel-Bioladen, in dem die Kundschaft gleich aufgefordert wird, gegen die U-Bahn zu unterschreiben. Der Brennessel-Bioladen-Vorsteher kommt überfallartig aus seinem Kabuff und fragt: »Kannst du da mal unterschreiben?«
Warum? Was haben Sie gegen die U-Bahn?
Also, pass auf, erklärt er, das ist ein altes Modell mit hohen Stufen, das ist nicht ebenerdig, da kommen Mütter mit Kinderwagen nicht rein, das heißt, sie kommen schon rein, aber schlecht. Auch die Gehbehinderten haben keine Chance.
Ah so, man unterschreibt gegen ein bestimmtes U-Bahn-Modell und nicht gegen die U-Bahn als solche, das muss ja mal fein unterschieden werden. Aber der Bioladen-Vorsteher führt das nicht weiter aus, sondern wechselt unvermittelt das Thema, spricht von Verklemmungen.
Meinen Sie mich?
Ja, das tut er. Er sieht, dass es im Nacken klemmt, das sieht er einfach. Also verklemmt im Sinne von verspannt. Da gibt es aber Hilfe, sagt er, in Form von meditativ-integraler Entspannungsmassage (vielleicht war es auch eine integral-meditative Dings, die Übergänge sind sicher fließend), welche die Blockierungen aufspürt und beseitigt. Er schwingt das Blatt mit den gesammelten Gegen-die-U-Bahn-Unterschriften und fährt fort: Was im Nacken sitzt und wütet, das behindert ja den ganzen Menschen, seinen Körper, seine Seele auch. Und diese Massage – er sucht das Infoblatt zur Massage und verlegt kurzfristig die Gegen-die-U-Bahn-Unterschriftenliste – diese Massage wirkt Wunder, gerade jetzt.
Womöglich ist er im Auftrag der notleidenden deutschen Ärzteschaft unterwegs, zumal schon beim ersten seelenvollen Augenaufschlag klar wird, dass die von einem brummigen Orthopäden ins verklemmt-kaputte Knie gestoßene Nadel immer noch leichter zu ertragen ist als so ein sanftes Hilfsangebot. Vielleicht ist er aber auch einem der evangelischen Kirchentage der letzten Jahre entsprungen und hat nicht mehr heim nach Tübingen gefunden. Komplementär, sagt er, benötigt der verspannte Mensch aber eine innere Reinigung und da bietet er sich an, Bachblüten in den Tee zu schütten.
Wozu? Ich trinke keinen Tee.
Es ginge auch in Fruchtsaft, sagt er.
Den trinke ich schon gar nicht!
Das missfällt ihm. Gerade jetzt, sagt er, IN DER KRISE befallen den Menschen doch Depressionen, Ängste und Zwänge aller Art.
Wieder alles im Plural. Bachblüten, sagt er, richtig angewendet –
Eigentlich wollte ich nur ein Shampoo. Aber jetzt nicht mehr. Integrale Massage brauche ich schon gar nicht und gegen die U-Bahn unterschreibe ich auch nicht. Gerade jetzt nicht und hier.
Bachblüten beseitigen Aggressionen, sagt er. Gerade jetzt haben die Gewerkschaften vor sozialen Unruhen gewarnt. Hier: er hat das ganze Sortiment. Übrigens: die Pflanzen profitieren auch davon. Ein Tropfen ins Gießwasser. Einmal die Woche.
