17. August 2009 · 20:12
Hausmarke (2)
Am Tresen steht die Königin der Nacht und schwört auf ihre Pillen. Erst kriegst du Herzklopfen und zwar so, dass du es spürst. Gewöhnlich spürst du ja nichts. Aber dann. Erst das Herz und dann die Haut, es kommt so ein Kribbeln und dann läuft es rund.
Gestern Nacht war sie in den Kellner verliebt, letzte Woche ist es ein Maler gewesen. Also bitteschön: Kunstmaler, nicht was man denkt.
Denkt man was? Vorletzte Woche war es der Musiker drüben, aber der hat was, nur mag sie jetzt nicht sagen, was es ist. Etwas am Kopf. Tief drin. Seltsame Gedanken. Ideen, die sich zu Taten formen. Sehr seltsam. Abgefahren. Und guck mal, wie er aussieht, sieht er nicht echt stark aus? Man kann keinem ins Hirn gucken, leider nicht. Aber sie will das nicht vertiefen, also dreht sie ihre Runde und meint, ein Sekt wär doch jetzt drin. So ein Gläschen für sie, nur ein kleines? Sie machte drei mal die Runde, auch am Maler und am Musiker vorbei, und trank dann allein, bis sie auf dem Boden saß. Der Kellner zog sie hoch und fand, die hält ja nichts mehr aus. Er tippte gegen ihre Schulter, hallo? Bleibt sie stehen? Klopfte noch ein bisschen Staub von der Kleidung – so. Das war's.
Als sie geht, ruft sie ihm noch eine Beschimpfung zu, das war ihre Nacht. Sie wird wiederkommen. Sie ist immer da. Sie kennt das Ende aller Geschichten und will doch immer wieder zum Anfang zurück.
Wo die Gegend etwas trostlos wird, wo alle Kneipen Bei Heiner und alle Kellnerinnen Jutta heißen und sich Lissy nennen, hocken die Letzten stumm überm Bier. Noch mal dasselbe, Lissy, es ist ja doch schon wieder etwas kühl. Ein Zitterstimmchen haucht ein Liebeslied, und am Tresen sitzt das Paar dazu. Die Frau hält ihre zerschlissene Tasche so fest umklammert, wie man das macht, wenn das halbe Leben drin ist, Klamotten, Gin und ein paar Cent von Passanten. Der Mann hat zwei Paar Socken an den Füßen, die ersetzen ihm erst mal die Schuhe. Aber noch längst nicht aller Tage Abend. Gelassen setzt er der Frau ein Glas Bier an die Lippen: »Probier mal.«
»Fies«, sagt sie und streichelt ihm übers Kinn. »Echt fies.«
»Trinkt in Ruh«, sagt der Wirt und faltet die Hände überm Bauch. Sie sind die letzten Liebenden. Jetzt ist Friede eingekehrt.

