“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

26. Juni 2010 · 19:38

Hausmusik reloaded

Die Nachbarn tun es wieder. Sie haben es letzten Sommer nicht getan, wir dachten schon, nanu? Jetzt packt sie wieder der Ehrgeiz, sie laden Freunde ein und öffnen alle Fenster. Schubert? Der Innenhof ist etwas eng und die Hausmusik ist etwas laut. Sie haben da seit den Mittagstunden ein Stück, ein wirkliches Stück, das ihnen, sagen wir mal: Probleme bereitet. Das etwas schwierig ist, nachgerade diffizil. Also gar nicht so einfach. Man müsste, käme man auf den Titel, dieses Stück auf der eigenen Anlage spielen und einen Lautsprecher auf den Balkon stellen, aber das wäre gemein.

Das Dargebotene klingt wie immer nach HNO nebst Gattin und kleinem Hund (der bellt aber nur in den Pausen), einer Beamtin A13, auch mit Gattin, und einem Redaktionsleiter ohne alles, der ganz fürchterlich das Klavier traktiert. Zähl mal durch, da fehlt noch einer, da gehört noch eine Geige hin, oder nicht? Egal, das klingt nach Schubert, bloß dass keiner singt.
Im Moment klingt es eigentlich überhaupt nicht, und das Dumme ist: immer wenn man meint, jetzt, ja, ja, jetzt haben sie's, immer dann erklingt ein Misston. Man fängt dann an zu grübeln, kommt ja eh auf keinen gescheiten Gedanken, die HNO-Gattin hat ihn in der Sprechstunde kennengelernt und ist dann wieder zur Uni oder so. Sie haben noch keinen Zweitwagen, aber zwei Bratschen, nicht? Die Beamtin A13 hat niemals Beamtin werden wollen, aber was wollte sie machen, es kam dann halt so. Sie steht dem Berufsbeamtentum nach wie vor sehr kritisch gegenüber, ebenso ihre Freundin, die während der Pausen in Top und Baggy Trousers so flippig auf der Balkonbrüstung hockt, dass man denkt, die wird irre an dem Schubert, die würde jetzt lieber beim Ibiza Chillout träumen.

Wenn es denn der Schubert ist. Es ist ja so: sie wollen es perfektionieren, seit den Mittagsstunden schon, möchten vorne optimieren, was sie hinten nicht hinkriegen, fangen immer wieder an und haben es vorher noch nicht halb beendet. In der Nachbarschaft richtet sich dann alles Hoffen und Sehnen auf diesen einen Moment: schaffen sie es? Kriegen sie es fehlerfrei hin? Aber weil sie so gar nicht zu Potte kommen, fehlt der abschließende Ton, Sie wissen schon, dieser beruhigende Schlussakkord, dieses tiefe, abschließende Moll, dieses grundsätzliche Booommm und wenn sie den nicht zustande bringen, kriege ich heute Nacht wieder kein Auge zu.