amtsmüde

Im gewaltigen Strom

29. November 2009 · 19:24

Alles hat seinen Sinn. B. lässt sich vom Arbeitszimmer diverse TV-Sendungen ins Wohnzimmer streamen – oder andersrum, von dort nach da, was aber jetzt nicht so wichtig ist, denn: wichtig ist ihm die Datenübertragungsrate. Er redet uns schwindelig damit. Er findet die seine enorm, aber ich kann mir ohnehin keine Zahlen merken, und als er dann plötzlich von seiner ganz und gar unbedeutenden, also im Umkehrschluss grandiosen Latenzzeit spricht, scheint es, als wäre nun auch er bei der Schweinegrippe angekommen. Nach einer Schrecksekunde (auch so eine Latenzzeit) stellt er dann klar, dass er noch immer im Strom badet, im gewaltigen Datenstrom, den er sich, es dürfte angeklungen sein, von hier nach da und von dort nach überallhin streamen lässt und dass die Latenzzeit mit der Videoübertragung zusammenhängt (FRAG MICH NICHT) und dass man das messen kann und er mit seinem Messergebnis höchst zufrieden ist.
Hört man stumm zu, meinen sie sofort, man himmele sie an.

Trotzdem: das ist beeindruckend. Die Bundeskanzlerin, sagt er, lässt sich stimmlich nicht so gut verorten. Hört er die Bundeskanzlerin über den PC, hat sie eine zu moderate Tonlage. Was er keineswegs der Bundeskanzlerin anlastet, sondern dem PC. Aber dann doch wieder nicht dem PC, sondern der daran angeschlossenen Lautsprecheranlage, die er noch feintunen muss, irgendwann einmal, es bleibt so wenig Zeit.
Feintunen: was stellt man sich darunter vor? Also im Wohnzimmer, sagt er, kapierst du das. Im Wohnzimmer steht ein feiner Sessel, den man absolut nicht verrücken darf, weil er mit den dortigen Boxen ein Dreieck bildet. Ein exakt berechnetes Dreieck sozusagen – setz dich mal hin, sagt er, um dann den Raum mit U2 zu beschallen. Bei U2 stehe ich aber sofort wieder auf – darum geht es nicht, erklärt er, es geht um die optimale Hörposition.
In dieser muss man verharren, leicht nach links geneigt und nicht wissend, wie man sich jetzt drehen und wenden soll, etwa so wie im Wartezimmer einer Arztpraxis, wenn links von dir einer hustet und rechts einer niest. Das ist das optimale Hören in der optimalen Hörposition. Dennoch ist es kein schöner Zustand, da kann er selbst die Callas singen lassen, jetzt bloß mal als Beispiel, die komplette Norma könnte er zu Gehör bringen, die von 1953, es käme keine Freude auf.
Die Callas muss komplett digitalisiert werden, sagt er, das hat sonst keinen Zweck.