“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

1. Oktober 2009 · 16:22

Kassel

Im Zug das Berufsbild Zugbegleiter nachgelesen:
»Hauptaufgabe der Zugbegleiter ist es, Fahrkarten zu kontrollieren und Beförderungsentgelte einzufordern von 'Schwarzfahrern'... Bei Störungen im Fahrbetrieb informieren Schaffner über die Ursachen und den voraussichtlichen Ablauf des Fahrbetriebs aufgrund der aufgetretenen Störungen.«

Zugbegleiter/in und Schaffner/in vereinigen sich in einer Person, so viel ist klar. Nicht klar ist, warum der Zug hinter Hamburg einfach stehen bleibt. Er steht eine Viertelstunde, bis jemand eine Durchsage macht: »Personen im Gleis«. Die Durchsage macht wohl der Zugführer, dieser Begriff stand auch irgendwo. Aber der Zugführer ist nicht der Lokführer, was klar wird, als die nächste Durchsage kommt, mit leicht veränderter Stimme: »Zugführer bitte zum Lokführer«.
Der Zug fährt wieder. Man muss sich das jetzt zusammenreimen, vielleicht hat der Lokführer den Zugführer zu sich bestellt, um ihm mitzuteilen, dass er keine Lust mehr hat, sein Gleis mit Personen zu teilen, denn der Zug bleibt wieder stehen. Eine Schaffnerin geht durch. Sie sagt, dass der Zug in Kassel hält. Tut er das nicht immer? Schon, aber da bleibt er dann. Warum? Sie weiß das nicht. Etwas Technisches. Stellwerk, fügt sie noch hinzu. Wie bringt man eine Nacht in Kassel herum? Dunkelheit hat sich über das Land gelegt und es kommt eine Durchsage, dass auf diesem Streckenabschnitt ein anderer Zug abgewartet werden muss. Die warten aber lange. Die warten vielleicht, bis dieser andere Zug seinen Zielbahnhof erreicht und der Lokführer seine Frau begrüßt hat. Es ist noch nicht weitergegangen, als die Durchsage kommt, es wäre der Strom ausgefallen, bei Celle. Also ist der andere Zug wohl doch schon weg, aber halt auch der Strom. Ob das irgendwie zusammenhängt? Die verheimlichen uns was. Die Weiterfahrt, durchsagt der Zugführer, verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Ringsherum planen die Fahrgäste ihr Leben neu.

Die Schaffnerin geht durch. Was ist jetzt mit Kassel? Die Schaffnerin ist seltsam. Sie sagt, sie könnte gerade nicht nachgucken, ob sich in Kassel überhaupt noch ein Zug anbietet, sie sagt, sie denkt, dass das sein könnte. Inzwischen ist der Strom wieder da. Der Zug fährt. Der Zugführer äußert sich nicht dazu, er hätte doch mal nett sagen können, die unbestimmte Zeit sei doch alles in allem rasch vergangen, finden Sie nicht? Zehn Minuten später sagt er, man habe nun 40 Minuten Verspätung. Irgendwie klingt das wie eine Erfolgsmeldung. Im nächsten Bahnhof ist es noch schlimmer. Verehrte Fahrgäste, nun haben wir 45 Minuten Verspätung!

Die Schaffnerin geht durch. Inzwischen hat eine kurze Recherche im Netz ergeben, dass es in Kassel noch einen letzten Zug gibt, der erreicht werden könnte, sollte dieser Zug hier nicht doch an einem Verspätungswettbewerb teilnehmen. So sinngemäß sage ich ihr, sehen Sie, ich habe das herausgefunden, so ganz im Gegensatz zu Ihnen – ja, sagt sie, das könnte sein.
In meiner Kindheit gab es Schaffner, die hatten so ein dickes Buch dabei. Da guckten die rein. Und dann lasen sie das vor.

Es sehr still im Zug. Gegenüber guckt eine Frau in die Dunkelheit. Sie guckt nicht einfach so, sondern klebt fast an der Scheibe, sieht kleinen Lichtern hinterher, als wären es die letzten Träume. Dann spricht ein Mann in sein Handy den Satz der Woche: »Das müssen wir im Vorfeld hinterfragen«, Tusch!
Vor Kassel fährt der Zug ganz langsam. Das ist das Schlimmste, dann will man schieben. Fast könnte man sagen, er fährt auf dem Zahnfleisch.
In Kassel ist es kalt um diese Zeit. Aber es dauert keine drei Minuten, da kommt der im Netz herausgesuchte Zug mit einem freundlichen Quietschen heran. Der ist die ganze Zeit hinter uns gewesen, oder? Das hat so etwas Tröstliches.