“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

11. August 2011 · 20:53

Kneif mal (Techie, 17)

Es sieht nicht schön aus, aber Herr Lenz, seit einem Jahr im Vollbesitz eines iPads, hat sich angewöhnt, nicht nur die Spaß- und Arbeitsgeräte in seinem Büro, sondern gleichsam alles auch im öffentlichen Raum zu betatschen. Unwillkürlich legt er zwei Finger auf das gemalte Streckennetz eines Fahrscheinautomaten, streicht die Strecke entlang und scheint darauf zu warten, dass ein Ticket unten rausfliegt, nur weil er oben eine Patschehand drauflegt – oder sagen wir es vornehmer: weil er Gesten ausführt.

Auch auf dem Fernseher. Da ließ sich Christine Neubauer nicht zur Seite wischen, sie blieb einfach im Bild. Möglicherweise war auch das Gegenteil der Fall, haben Zeugen diese Geste bösartig missinterpretiert, und Lenz versuchte vielmehr, Christine Neubauer auf dem Fernsehschirm heranzuzoomen, sie mit Daumen und Zeigefinger größer und, wie soll man sagen, bildfüllender zu machen, doch sie reagierte nicht darauf.

Das Tablet reagiert immer, stellt den Regenradar in Basel in dreihundertprozentiger Vergrößerung dar, eine Geste, die Lenz in Berlin vollführt, was darauf schließen lässt, dass er gerade nicht unbedingt wissen muss, wie sich das Wetter in den nächsten Minuten im Schweizer Raum gestaltet, was er aber wissen möchte, weil das Zoomen mit Daumen und Zeigefinger auf dieser Seite besonders eindrucksvoll gelingt. Das nervöse Fingerzucken ist ihm zur zweiten Natur geworden, seit er auch auf dem Trackpad seines Notebooks alle Finger in Bewegung setzen kann

»Es hat sich nie natürlicher und intuitiver angefühlt«, meinen sie beim Hersteller des Notebooks über diese Fummelei. Ja klar, in einem kleinen Video zeigen sie auch, wie natürlich und intuitiv:

Ackern auf dem Trackpad

– wobei man doch überlegt, ob sich etwas intuitiv überhaupt anfühlen kann, sprachlogisch und überhaupt.

Lenz jedenfalls ist beim Arbeiten und Surfen am Gestikulieren, dass man schon an einen kleinen Tick denken muss, kommt zu seinen sogenannten Wischgesten nach links und nach rechts (zwei Finger), den Schiebegesten nach oben und nach unten (drei Finger) sowie den Spreizgesten zum Vergrößern (alle Finger + Daumen, wobei der kleine Finger besser abgehackt gehört) jetzt auch noch das Kneifen hinzu (»pinch«), was so aussieht als würde Lenz auf dem Trackpad Fliegen fangen. Zumal gerade das Kneifen nicht immer auf Anhieb gelingt, wird umstandslos alles gekniffen, Wörter, Landschaften, Gesichter, wird gekniffen und, Himmelarsch, gekniffen, bis auf dem Monitor endlich das erscheint, was er auch mittels eines einzigen Tastendrucks hätte haben können. Aber Tasten drücken ist echt nicht innovativ.

Ein feiner Fingertremor hat Herrn Lenz inzwischen befallen. Das sieht nicht gut aus, weil er vor lauter Wischen, Spreizen und Kneifen schon keine Taste mehr trifft.