9. Februar 2009 · 15:24
Leo, Lore
"Wo ist die Geschichte ...?"
Ja, sie war weg. Dann also ein »repost«.
Und manchmal sieht man sie auch noch da sitzen.
Eigentlich wollte Lore keinen Hund mehr haben, schon gar nicht einen wie den Leo, einen deutschen Schäferhund. Früher, als sie jung war, hatte sie Mischlinge, einmal einen halben Dalmatiner, von dem die andere Hälfte nicht zu erraten war, dann brachte ihr Mann einen seltsam aussehenden Boxer-Schnauzer in der Ehe mit. Die Ehe hielt nicht und mit dem Mann ging auch der Boxer-Schnauzer. Den hat sie eigentlich mehr vermisst, den Hund, weil er den Mann ins Bein biss, als der mit Gegenständen nach ihr warf. Der Leo hier ist ihr ja quasi zugelaufen, was sollte sie machen? Tun zwei Obdachlose sich zusammen, sind sie schon mal beide nicht allein. Der Kollege, dem er gehörte, konnte nicht für ihn sorgen, weil ihm die Hand an der Leine immer so zitterte, das hat der Leo spitzgekriegt und büchste dauernd aus. Alles eine Frage der Erziehung, sagt Lore, was man für die Hunde braucht, ist Zartgefühl.
Die meisten Menschen mögen Leo, das lassen sie ihn spüren. Lore mögen sie nicht, weil sie ihr unterstellen, Leo nicht zu mögen. Das ist alles ein bisschen kompliziert, sagt Lore, dabei ist es strenggenommen ganz einfach: sie nimmt den Leo auf die Arbeit mit, was die Leute nicht richtig finden. Warum soll sie ihn nicht mitnehmen, ist doch anständiger als das Verhalten vieler Angestellter, die ihr Hundchen von neun bis fünf in der Wohnung vergammeln lassen, um es bei der Heimkehr einmal hektisch um den Block zu führen. Das bekommt keinem Hund, da hat der Leo es viel besser, weil er bei ihr ist.
Sie sitzen auf zwei Decken vor dem Kaufhaus. Pling, einer geht vorbei, ohne hinzusehen, und wirft Lore etwas ins Zigarrenkästchen. Pling, also Kleinkram, Lore muss nicht hinsehen, denn sie kann den Wert des Geldes hören. Kleinkram klingt höher und dünner als besseres Geld, das macht dann eher Plong. Eine Handvoll Kleinkram (Pling-ing-ing-ing) kriegt sie oft vor die Füße geworfen, weil die gehässigen Kaufhauskassen das als Wechselgeld ausspucken, damit es anschließend dem Kunden die Geldbörse verstopft. Der Kunde wiederum will das nicht haben, weil er zwischen diesem Kleinkram das eigentliche Geld nicht findet, also kriegt's die Lore in ihr Zigararrenkästchen, dann ist er es los. Ganz am Anfang hat das Pling den Leo irritiert, da zuckte er jedesmal, hob den Kopf und suchte Feinde. Doch inzwischen ist das ganz normal für ihn, so ein Tier gewöhnt sich ja an alles, da ist es viel flexibler als der Mensch. Mit dem Plong allerdings hat er noch immer seine Schwierigkeiten; weil die Leute ja kaum mal eine richtige Münze in Lores Kästchen werfen, kann er sich schlecht dran gewöhnen.
Die Leute bringen ihr allerdings Sachen für den Hund. Leckerli kriegt er und manchmal etwas zum Spielen oder bei Regen eine Art Hundecape. Dabei ist das gar nicht nötig, Leo hat ja seine Decke und wenn es regnet, spannt sie einen Schirm über ihn. So ein Hund ist nicht sehr kälteempfindlich, ganz im Gegensatz zu ihr selbst, die fix anfängt zu frieren, zumal wenn es regnet und ein böser Wind durch die Straßen weht.
»Du kannst den Hund doch da nicht liegen lassen«, fährt ein Passant Lore an, »der wird doch krank, das ist unglaublich.«
Nein, der Leo ist kein armer Hund. Nein, der Leo fühlt sich wohl bei ihr. Hat ja alles, muss nicht darben und kriegt auch genug Bewegung. Was Lore am meisten empört, ist die Unterstellung, sie hocke hier bettelnd, faul und somit tierquälerisch herum, während der arme Hund neben ihr am Eingehen sei. Stimmt aber nicht, denn alle drei Stunden rafft sie Decken, Zigarrenkästchen und ihre sieben Sachen, die sie in vier Tüten trägt, zusammen und dann laufen sie eine Runde oder zwei.
Einmal hat er sogar wie ein Kater geschnurrt, das war in jener Nacht, als sie diesen Kräuterlikör hatte, den für den Magen und fürs Herz. War schön. Die Stadt wie tot gewesen, Lore trank Likörchen, Leo sein Wasser, und bevor er sich in Schlafposition brachte, drückte er den Kopf gegen ihren Bauch und brummte vor sich hin. Na ja, am nächsten Morgen war es dann weniger schön, als noch ein Rest Kräuterlikör in der Flasche war, der, obwohl für den Magen, auf leeren Magen doch ein bisschen heikel ist. Der Leo aber topfit gewesen, was ihr zu denken gab. Man sollte mehr Wasser trinken.
