“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

10. Oktober 2008 · 09:25

Liebe Fahrgäste

U-Bahn-Gefühle im Zug nach Köln, lauter Tunnel, da verschwindet die Welt. Übrig bleibt der Mitmensch. Ein scheues Wesen, denn hier macht er einen Entwicklungssprung zurück. Der Fahrgast im Tunnel als Homo neanderthalensis: spricht nicht, hält die Gesichtsmuskeln starr. Fremdelt. Meidet Blickkontakt, guckt zum Fenster raus und sieht doch nichts. Wer jetzt laut lacht, der ist verloren.

Der Zug verspätet sich wie der Börsengang. Durchsage: Zug verspätet sich, da steht der Zug schon zehn Minuten still im Tunnel. Möglich, dass die Kreislauflabilen ihr Herzflattern kriegen und die heimlichen Phobiker stille Attacken. Der Mann gegenüber straft sein Handy mit einem Handkantenschlag, denn er hat wohl kein Netz und kann niemandem sagen, dass er später kommt, wenn überhaupt. Bis es weitergeht, sind tausend Tode gestorben, werden ganze Leben neu geplant. Unruhe, einer raschelt mit seiner Zeitung (Panik an den Börsen) und weiß nicht, wen er damit schlagen soll (zu Hause vielleicht den Hund). Nur das Paar vor der Schiebetür kriegt das alles nicht mit. Sie halten einander an den Handgelenken, da kann einer den Herzschlag des anderen spüren.
Als der Zug wieder fährt, ist beim Mann gegenüber auch das Netz wieder da, aber dann bricht er das Wählen ab und guckt sich die Liebenden an. Die Durchsage wird jetzt auch freundlicher, beginnt mit »Liebe Fahrgäste« und teilt mit, dass der Anschlusszug in Köln, weil der nämlich auch Verspätung hat, womöglich noch erreicht werden kann.