8. Mai 2010 · 22:51
Lisa und Lux
Mit 14 war sie süchtig nach LUX, ein Socialnetwork-Kontakt mit undefinierbarem Foto: eine Blume auf einer Wiese. LUX machte sie glücklich, denn er schrieb immer so nett, sehr hilfsbereit, nie plump, nie doof, also ohne doofe Anmache und so – echt, sagte sie beim Versuch, die gesamte entferntere Verwandt- und Bekanntschaft zu überzeugen, der ist so superhilfsbereit. Super sowieso, nicht wie die anderen, nie hämisch, herablassend, nie – wie sollte sie sagen – nie! doof! Einfach! nur! lieb!
Sie war süchtig nach seinen Worten, denn mehr als die Worte hatte sie ja nicht. Sie schrieb, er antwortete, eher freundlich als lieb, aber sie fand ihn halt lieb, eher sachlich als superbescheidwissend, aber sie glaubte, dass keiner mehr drauf hatte als er. Nie ließ er sie hängen, seine Worte waren bei ihr, wenn es ihr schlecht ging, morgens vor der Schule, wenn er dann schrieb: »Na komm, bring's hinter dich, du packst das.« Und am Nachmittag war er dann wieder da, wenn sie ihm diesen virtuellen Schubs gab, RED MIT MIR, dann schickte er ein nettes Sätzchen rüber, mit Smiley, den sie sich am liebsten ausgeschnitten hätte, wenn man vom Monitor etwas hätte ausschneiden können.
LUX. Sie hat all seine Nachrichten gesammelt, gespeichert in dieser endlosen LUX-Datei, um sie immer wieder durchzulesen, Buchstaben, Silben, Worte, all das, was sie von ihm hatte.
Dann kam dieser Tag, als sie eine eher technische Frage stellte und die Antwort kam: »Uh, keine Ahnung. Aber ich frag mal meinen Mann, ok?«
Da stand ja dann kein Stein mehr auf dem anderen. Erst musste sie weinen, dann wurde sie wütend, dann sagte sie: »Der ist also schwul! Der hat mich die ganze Zeit verarscht! Darum hat der mich nie angemacht!« (Könnte man Fotos auf dem Monitor zerreißen, hätte sie seines jetzt gern zerrissen, das Bild mit der Blume auf einer Wiese.)
Sie meldete sich wieder, cool, wie sie fand: Hättste ja mal sagen können, dass du schwul bist. Brauchste nicht zu verstecken!
Die Antwort kam schnell: Wie kam sie denn darauf?
Und wer, fragte sie, ist dann dein Mann?
Mein Mann halt, antwortete LUX.
Die im Jammer zusammengetrommelte entferntere Verwandt- und Bekanntschaft (der näheren hatte sie es nicht sagen wollen) stellte eine strenge Frage: Was weißt du denn überhaupt von ihm? Schon der Name! LUX, also nee, Kind –
Aber sie kannte da ja auch einen, der nannte sich SPIDER. Das war überhaupt nicht das Problem.
Dennoch fragte sie LUX nach seinem Namen, und direkt darauf angesprochen, machte LUX auch kein Geheimnis daraus: Lisa.
Diese Möglichkeit hatte sie überhaupt nicht in Betracht gezogen.
