27.06.09
10:07
Nach Mitternacht
Nach Mitternacht deutet der Wirt auf das Barometer: tiefer Luftdruck. Schrecklich. Treibt den Blutdruck in den Keller, verringert die Konzentration, macht aggressiv. Alle paar Minuten läuft er vor die Tür, um sich zu vergewissern: sehr schwül. Mitten in der Nacht. Durchknallwetter.
Wir ham ja nu keinen Balkon, erzählt die Frau rechts am Tresen und bedauert das sehr. Aber nein, sagt der Wirt, das ist gesund, weil: kein Balkon, weniger Ozon in den Lungen. Es ist den Leuten ja nicht abzugewöhnen, sich raus auf den Balkon zu stellen und das ganze Gift einzuatmen.
Oder Feinstaub. Neben dem Ozon ein rechter Killer. In der Atmosphäre ist das schichtweise angeordnet, behauptet er, Ozon, Feinstaub, Benzol: eine Art Rollkommando. Grausames Spiel.
Vorn links sitzt ein Redakteur, der schreibt E-Mails an sich selbst. Immer wenn ihm etwas einfällt, zieht er den Blackberry, um gleich am nächsten Morgen an diese Einfälle erinnert zu werden, sonst bleibt das noch liegen. Sonst kommt das buchstäblich nicht an. Interessant wäre zu erfahren, ob er keinen Stift halten kann, noch interessanter, wie er sich da anredet, schreibt er Hallo oder Lieber X, erkundigt er sich nach dem eigenen Befinden? Schickt er sich viele liebe Grüße oder sendet er sich seine Geistesblitze sang- und klanglos zu?
Sagt er nicht. Dafür erklärt der Wirt, dass man den Balkon am besten mit großen Tüchern verhülle, die man vorher besprenkelt, weil das wie so eine Art Filter wirkt. Wenn man denn schon so blöd ist, sich auf den Balkon zu begeben.
Aber sie haben ja gar keinen, stellt die Frau am Tresen rechts noch einmal klar. Am Nachmittag wollen sie grillen. Das, findet der Wirt, ist der Gesundheit ganz und gar abträglich: weiß sie nichts über die Giftstoffe, die beim Grillen entstehen?
Und der Redakteur, unterm Ventilator liegend, wenn es richtig heiß wird, keinen Fuß aus dem Altbau setzend bei über 30 Grad, die Nachbarschaft mit John Coltrane beschallend (die religiöse Phase, weißt du, die religiöse Phase), grünen Eistee trinkend, Freitag lesend, sagt: »Ich halte Grillen für ein ausgesprochenes Spießer-Vergnügen.«
So. Jetzt aber raus hier. Langsam, sagt der Wirt, nicht anstrengen!