“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

14. Dezember 2008 · 15:33

3. Advent, 02:30, -3

Kein Taxi am Halteplatz. Auf einer Bank eine Frau, die sagt, dass vor einer Stunde ein Taxi hier angekommen und ein bisschen gewartet hat, aber niemand ist eingestiegen, keiner war da.
Vielleicht, sagt sie, denken die Leute, sie ginge zum Rauchen raus, aber sie ist ja in keiner Kneipe gewesen, nur zu Hause in der Wohnung, drüben um die Ecke, Dachgeschoss. Wenn man sich da aus dem Fenster lehnt, kann man die Bank hier sehen.

Es ist nicht zu kalt. Es ist angenehm jetzt. Sie sagt, sie spricht kaum jemanden an, weil man keinen belästigen will, weil die Leute sonst denken, dass man es nötig hat.
Es ist niemand hier, nur die paar Autos mit ihren Lichtern im Dunst.
Sonst denken die Leute, man wär ganz allein.

Es ist überhaupt nicht zu kalt. Es ist gerade richtig so. Wenn man drinnen ist, im Warmen, wenn es sehr spät ist und sehr still, stellen die Gedanken sich manchmal dumm an. Aber sie kann sie überlisten. Mit Kälte geht das gut, dann konzentriert sie sich auf Wärme und kehrt alles um. Also raus und warten und sich in den Mantel wickeln, bis es langsam wieder wärmer wird, dann schlagen auch die Gedanken eine andere Richtung ein. An ein Zelt kann man denken oder ans Feuer. Oder an einen, der mit einer Decke kommt, die er ihr um die Schultern legt. Ein Ritual, nichts weiter, nur ein kleiner Kampf, der alles vertreibt, alles im Kopf, alles da drin.

Ein Taxi hält, der Fahrer springt heraus und schreit sie an: Was ist jetzt? Willste fahren? Sie sagt, es sei derselbe wie vorhin, da habe er auch schon so komisch geguckt, vorhin.
Der Fahrer schreit, die hockt da rum unter Null. Er fuchtelt mit den Armen: Steh doch mal auf! Ist unter Null!
Warum duzen Sie mich, fragt sie, ich bin nicht obdachlos, ich habe eine Wohnung, drüben um die Ecke.
Ja, dann geh doch rein, schreit er. Oder ist da einer drin? Haste Zoff da drin?
Nein, sagt sie, da ist niemand drin. Und belästigen Sie mich nicht, ich habe schon viel kältere Nächte erlebt und da war es wärmer - praktisch - vom Thermometer her.