“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

7. Dezember 2008 · 15:17

Neben der Spur

Seit zehn Jahren kann man sie durch die Stadt ziehen sehen. Sie gucken sich Schaufenster an und überlegen, wo das alles stehen könnte, die Vase und der schöne Schrank oder die Espressomaschine da links. Zu Hause, auf 30 qm Altbau, haben sie eine kleine Sammlung billiger Karaffen und pflegen eine Zimmerlinde.
Abends sitzen sie in den Kneipen, immer in solchen, wo sie bleiben dürfen. Da sind die Tische nicht immer sauber, da malen sie Männchen in den Staub. Wenn es hart auf hart kommt, helfen sie in der Küche, und hart auf hart kommt es oft, man kann auch im Supermarkt schaffen, im Lager. Eines Tages werden sie in den Süden fahren, irgendwohin halt, in die Wärme, zum Licht und ans Meer.

Sie wohnen im Erdgeschoss, der Hinterhof hat Abendsonne, aber die Nächte sind oft zu kalt. Die Nächte sind auch sehr still, bis auf jene Zeiten im Jahr, in denen der eine oder die andere wegkippt aus der Welt oder, wie sie das sehr sachlich sagen, die Krise kriegt.
In der Krise werden sie zur fremden Person, einer dem anderen und jeder sich selbst. Diese Person hat aufdringliche Gedanken, von Terror, Tod und Vernichtung, diese Person sieht Bilder, die alles überschwemmen wie eine Flut. In dieser Person spricht und weint es unentwegt, kreischen Dämonen und fordern Respekt, und das ist nicht wahr, sagen die anderen, doch es ist wahr.
Immer bloß einer, sagen sie, und das ist richtig, dass es immer bloß einem passiert, das ist gut geregelt von der Natur, weil der andere dann nämlich helfen kann. Mit Haldol vielleicht, aus dem Kühlschrank gekramt, wo es gewöhnlich vor sich hin lagert, weil es zwar die Stimmen aus dem Kopf vertreibt, dafür aber die Hände zittern und die Beine schlottern lässt, so dass sie mit kleinen, blöden Tippelschrittchen durch die Straßen ziehen wie die letzte Pennerin oder der allerletzte Idiot. Wer will das schon?
Haldol also nur, wenn es nötig ist, wenn sie beten, lass gut sein und keiner kommt, der es gut sein lässt. Hilft es nicht, dann weist man sie ein und legt sie still, bis alle Teufel schweigen. Da haben sie sich auch kennengelernt, vor vielen Jahren auf der Geschlossenen, die eine war mal Lehrerin, der andere hat gemalt.
Jetzt gucken sie sich Schaufenster an und Menschen. Hand in Hand gehen sie herum. Vor Weihnachten sind die Leute etwas irre, nicht? Wie sie selber halt, gelegentlich: ein bisschen, bloß ein bisschen neben der Spur.