18. Januar 2009 · 13:15
Nullstelle (3)
Der Abgeordnete am Infostand trotzt dem fiesen Wetter bis zum Schluss. Er mahnt die Wahlberechtigten, auch bei fiesem Wetter zur Wahl zu gehen. Die Wahlberechtigten gucken zu, wie die Flugblätter des Abgeordneten durch die Pfützen schwimmen und beharren wieder (der Abgeordnete würde sagen: einmal mehr) mit Inbrunst darauf, ganz klein zu sein, zu den kleinen Leuten zu gehören, und der kleine Mann, der zu den kleinen Leuten gehört, ist mit seinem bisschen Geld doch immer am bezahlen. Geht es ums Fernsehprogramm, beginnen die Klagen gewöhnlich mit »Wir sind die Gebührenzahler!«, und geht es um die Wahl, erklären sie dem Abgeordneten, dass sie für seine in den Pfützen schwimmenden Flugblätter ja auch schon wieder aufkommen, Wahlkampfkosten sind Steuergeld oder wie?
Der Abgeordnete mahnt, sie müssten zur Wahl gehen. Eine alte Dame sagt, es käme aufs Wetter an. Der Abgeordnete wiederholt seinen Spruch, dass auch ein richtig fieses Wetter kein Grund ist, eine Wahl zu schwänzen, aber die alte Dame sagt, es sei ein Kreuz mit dem Wetter, erst die Kälte, dann kein richtiges Licht. Käme noch der Zahn hinzu, der drittletzte eigene oben links. Den hat man ihr schon vor Jahren gezogen, aber wenn's Wetter umschlägt, ist es ein Kreuz. Ja, überhaupt das Kreuz, das kommt ja noch hinzu, es ist ein Kreuz mit dem Kreuz, wenn man älter wird, bis man dann morgens aus dem Bett kommt, ist es Abend und dann sind die Wahllokale schon wieder zu und es hat sich mit dem Kreuz auf dem Zettel.
Der Abgeordnete bittet einen Mann um seine Zweitstimme, aber der ist so erkältet, der hat nicht mal eine richtige erste. Trotzdem beschwert er sich heiser krächzend über das Fernsehprogramm: kommt denn ein Tatort, wenn Wahl ist? Wenn Wahl ist, sitzen doch diese Deppen im Fernsehen mit ihrer Wahl, und sie, die Gebührenzahler, hat wieder kein Mensch gefragt. Der Abgeordnete meint, die Wahlsondersendung wäre zur Tagesschau schon vorbei – da wird's auch Zeit, sagt der heisere Mann.
Es nieselt. Der Abgeordnete ist zuversichtlich. Sagt er dauernd.
