16. Oktober 2009 · 21:43
Oktoberblues
Das hat der Schlagertexter mal fein hingekriegt, »Sag beim Abschied leise Servus«, allein der gewöhnliche Grübler steht auf Gleis 13 seines Hauptbahnhofes und dröhnt zum Abschied »Gottverdammich!« Es ist nämlich so: er hat seine Lieben zum Zug gebracht, doch war er wieder so penibel mit der Zeit, dass sie allesamt zu früh dran sind. Das ist der Grübler als solcher: umsichtig, was die Planung des Außergewöhnlichen betrifft, ist er bei Arzt-, Amts- und Bahnhofsterminen früher als der Glockenschlag, denn, wie er diesbezüglich zu sagen pflegt: »Man weiß ja nie.« Das stimmt, nie weiß man, ob in allerletzter Sekunde nicht doch das Schicksal seinen gemeinen Lauf nimmt, respektive sich dem Grübler in den Weg stellt. Also taucht er beizeiten auf, um sich unverzüglich darüber zu ärgern: Jesses, soviel Zeit noch.
Im konkreten Fall hat der Zug erst in 42 Minuten Einfahrt, falls man der Bahn trauen kann, und nun stehen sie da. Abschied nehmen kann nämlich unmöglich 42 Minuten dauern, ohne etwas fad zu werden. Derart auf sich selbst zurückgeworfen, denkt der Grübler zunächst praktisch. Gewissenhaft überprüft er nochmals Gleis und Abfahrtszeit, überzeugt sich sodann, dass die vorsorglich geschmierten Stullen seiner Lieben diese auf einer zweistündigen Bahnfahrt am Leben erhalten und geht schließlich die Liste jener Dinge durch, die sie garantiert vergessen haben. Dann tritt Stillstand ein, und nun wird es ernst. Denn wo nichts rechtes mehr zu tun ist, zeigt sich der idealtypische Grübler in seiner Vollendung. Hat er Zeit, wird er besinnlich, zumal beim Abschiednehmen, verschärft auf Bahnhöfen, vornehmlich im Herbst. Die Bekundung dieser Gemütslage leitet er gewöhnlich mit zwei Worten ein, respektive einem einzigen, verdoppelt: »Ja, ja...« Es gibt allerdings auch die Variante »Ach Gott...«, worauf dann, genau wie auf »Ja, ja...«, das Entscheidende folgt: das Brüten über das Hier und das Jetzt, inklusive des Gewesenen und des gegebenenfalls Künftigen, unter besonderer Berücksichtigung des Daseins als solches.
Hat er Zeit, bemerkt der Grübler in uns allen also zunächst, dass die Zeit gemeinhin rast. Und wir können nichts tun! Also bloß mal die Lieben hier auf Gleis 13: gerade erst angekommen (auf Gleis 2), jetzt schon wieder mit gepackten Koffern auf Gleis 13 wartend, so schnell ist das Leben. So gnadenlos schnell. Schon gar im Herbst: da ist doch gleich wieder Weihnachten! Sowas löst Befremden aus. Wir hatten doch eben erst Weihnachten. Das ist kein bloßes Erinnern; der Grübler sammelt sich, bedenkt dies und jenes und kommt zu traurigen Resultaten. Im Oktober vor elf Jahren ist Purzel gestorben, wisst ihr noch? Purzel war ein silbergraues Pudelchen, und danach hat er noch zwei weitere Lumpis verschlissen, doch keiner starb so schön wie Purzel, mit einem letzten heiseren Winseln im Frühnebel des Jahres –
Ach, hör auf, redet er sich dann selber zu (und niemand außer ihm hat angefangen) und kommt über die Betrachtung des endlichen Lebens der eigenen Haltung auf die Spur. Denn stets ist der Grübler auf Pleiten, Pech und Pannen gefasst. Die Welt ist schlecht, da muss er durch. Hilft nix. Der Grübler als solcher sucht keinen Frieden, die Sehnsucht nach Harmonie ist ihm fremd. In jeder Sekunde erwartet er das Schlimmste. Damit lässt sich leben. »Na?« Diese berechtigte Frage pflegt der Grübler mit »Na ja« zu beantworten – und damit ist tatsächlich alles gesagt.
Dann war da noch der Zug, welcher auf Gleis 13 viereinhalb Minuten verspätet kam. Der Grübler hat es kommen sehen. Er sieht es immer kommen. Und tschüss.
