“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

3. April 2009 · 10:53

Stellung halten

»Wohlfühlwochen« werden in Lokalredaktionen beschworen, »gerade jetzt«, da der Frühling uns besucht, »sollten Sie sich«, schreiben sie, »um eine aktive und gesunde Lebensweise bemühen«. Wenn man sich bemühen muss, scheint es schon mal nichts zu sein, aber: »Wählen Sie ein Wohlfühlprogramm, nehmen Sie ein Wellnessangebot an.« Nachbarin Anni Z. hat einen Yogakurs gebucht: nur für Frauen, und sie berichtet seit Wochen von nichts anderem. Yoga ist Ruhe. Yoga ist Kraft. Die Stellungen werden gehalten.

Sie muss also eine Kerze machen. Die Kerze ist gut für alles Innere, von der Schilddrüse über die Leber bis hin zur Milz. Außerdem, sagt Anni, entlastet sie ein bedrücktes Herz und vertreibt auch Schwermut aller Art. Sie muss diese Kerze halten: zehn Minuten lang. Kein Wort und möglichst kein Ächzen: ruhig atmen. Ruhig auf den Schultern liegen. Wenn du kippst, hast du etwas falsch gemacht.
Was denkt man in dieser Zeit? Zehn Minuten Kerze, da geht einem doch so dies und jenes durch den Kopf. Die Yogalehrerin sagt aber, sagt Anni und kann das auch bestätigen, dass alle Gedanken mit der Zeit verschwinden und man sich nur noch auf das Atmen konzentriert.
Und was hat man davon?
Ruhe, sagt sie, Kraft.
Interessant ist, sagt sie, dass die Füße nicht einschlafen, obwohl doch zehn Minuten lang stoisch in die Luft gereckt, aber das wird seinen Sinn haben; ist es vollbracht, ist man wie neu. Hinterher kommt dann das Yogaprinzip der Umkehrung zum Tragen, man steht also auf, nachdem man gelegen hat, und reckt sich in die andere Richtung: Kopf hoch, Arme gestreckt, ruhig atmen. Schon wieder an nichts denken – wo führt das hin? In die Stille. Stellung halten. Wer die Stellung hält, ist ein neuer Mensch.