30. November 2008 · 18:26
Stille
Kennen Sie das, sagt er, Sie sitzen im Zug und –
Es ist unhöflich, zu schweigen, wenn man angesprochen wird, aber dieser Taxifahrer, der erzählte, wie er letztens Zug fuhr und dieser Zug Richtung Hamburg erstens schon unpünktlich einfuhr und zwotens unterwegs noch viel unpünktlicher wurde, weil sie wieder einen Schaden hatten bei der Bahn, und dass in Hamburg die Schwester wohnt, die gerade wieder Nachwuchs undsoweiter, dieser Taxifahrer wollte überhaupt keine Gegenrede hören, er machte nämlich keine Pausen. Gegenreden kann man aber nur in die Pausen hinein, sonst ist es doppelt unhöflich. Der Mann hat das genau bemessen mit seinem Wortbeitrag, Hamburg und die Bahn waren auf der Kreuzung abgehakt, es kam sodann die häusliche Spüle dran, die er letztens das achte Mal repariert hat, und was soll ich Ihnen sagen, das Drecksding tropft noch immer (links rein). Also nicht der Wasserhahn, was ja noch anginge, den schafft er doch mit links (auf die nächste Kreuzung zu), nein, der Sud kommt unten raus (Ampel auf rot), also leckt gewissermaßen und das gehässigerweise dauernd über Nacht (grün, rechts abbiegen), was man sich so vorstellen muss (abbremsen, Zebrastreifen), dass er und seine zwei Töchter (er ist alleinerziehend, weil unverschuldet geschieden; links rein) jeden Morgen barfuß in der Pfütze stehen (so, da simmer dann).
Ich hätte gerne eine Quittung.
Seine eine Tochter, sagt er (Wagen steht), hatte wieder Ärger beim Finanzamt, weil sie versucht hat, Arbeitskleidung abzusetzen, aber diese Penner da im Amt (hinter ihm hupt es, macht aber nichts), also diese Penner, die den liebenlangen Tag –
Stille.
Wievielten, fragt er mit Blick auf den Quittungsblock, hammer denn heut?
Schwere Frage. Ich kenne immer nur den Wochentag, das Datum weiß ich nie.
Stille.
Er grübelt, ich auch. Hinter uns hupt es, doch das ist draußen, weit weg. Atemlose Stille hier drinnen. Wir wissen das Datum nicht. Hier kommen wir nie wieder raus.
