»Reality is frequently inaccurate«

08.09.09
11:53

Techie (13)

Lenz möchte seine Nachbarin ein wenig näher kennenlernen. Früher, sagt er, ist das ja so gewesen, man klingelte und fragte: Könnten Sie mir eine Prise Salz leihen? Oder was halt passend erschien, ein Ei vielleicht. Heute geht die Frage anders: Darf ich mal dein W-Lan benutzen? Meins ist kaputt. Also gerade gestört, jedenfalls: bei mir geht es nicht.
Und schon entstehen Komplikationen, denn für Eier und Salz brauchte man kein Kennwort. Respektive musste die Nachbarin keines herausrücken. Was man natürlich nicht von ihr verlangen kann, das Kennwort fürs W-Lan preiszugeben, nur weil Lenz mit der Absicht kommt, sein Notebook in ihr Netz – ah, wie soll er sagen – einzubuchen. Wobei: das ist unmöglich, er kann da nicht hin und sagen, er möchte sich kurz bei ihr einbuchen, das geht gar nicht.
Dennoch: »Darf ich mal dein W-Lan benutzen?« ist nicht so plump anmacherisch wie die Frage nach der Prise Salz, nicht wahr? Allerdings muss er davon ausgehen, dass die Nachbarin geschützt ist, also so vernünftig, ihr W-Lan mit einem unendlich langen Kennwort abzusichern und dieses unendlich lange Kennwort tunlichst für sich zu behalten. Wobei ein perfektes unendlich langes Kennwort schon rein sprachtechnisch überhaupt nicht preiszugeben ist, denn wie übermittelt man beispielsweise »slssU8ZhTE45p«? Und das ist noch nicht einmal besonders lang.
Es sei denn, und das ist eine empfohlene Methode, man baut sich kleine Brücken, etwa aus den Wortanfangsbuchstaben einer Textpassage, die man dann natürlich im Schlaf herunterbeten kann, ja muss, weil man das Kennwort natürlich niemals notieren darf. Also etwa:
FhdMsambdSdizmCdMgwuedwnijKw –
was einfach zu merken ist, steht es doch für:
»Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.« (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung).
So. Wo war er stehengeblieben? Ja also, die Nachbarin. Es gibt einiges zu bedenken, denn gesetzt den Fall, er hat alle Hindernisse überwunden, sprich, die Nachbarin hat ihm ein temporäres, kurzfristiges Netzwerk zur Verfügung gestellt (ein Netzwerkchen) oder sich gar pfiffigerweise mit seinem eigenen Notebook in ihrem eigenen W-Lan eingenistet, also angenommen, Lenz ist drin, was dann? Der Logik gehorchend, müsste er jetzt auf sein Notebook starren und Arbeit vortäuschen, was die Interaktion sicher erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht, und auf sein Notebook kann er auch zu Hause starren, nebenan, was also ist zu tun? Es ist heute, findet Lenz, alles unendlich kompliziert geworden.

© 2010 Astrid Paprotta | post (at) astrid-paprotta.de | Newsfeed (RSS) | Mit Textpattern | Impressum