18. April 2010 · 11:04
Techie (16)
Dies ist keine Geschichte vom speienden Eyjafjallajökull, obwohl wir wegen ihm auch nicht mehr fliegen konnten. Treffen wir uns also auf dem Bahnhof, schlug Herr Lenz am Telefon vor, sich am Flughafen zu treffen wäre ja nun aussichtslos. Ein einleuchtender Gedanke, nur war vor lauter Fahrgästen kein Bahnsteig richtig zu erkennen. An so viele Alu-Trolleys bin ich ja noch nie gestoßen, auch die Anzeigetafel verschwamm im Gedränge, doch mitten im Chaos schlug Lenz mir heftig auf die Schulter und brüllte zur Begrüßung: »So, und jetzt?«
Der Münchner Flughafen ist auch dicht, teilte ich ihm mit, eine hier und jetzt eigentlich überflüssige Information, doch musste Lenz sofort überprüfen, ob sie es auf sein iPhone geschafft hatte: Genau, Stern und ntv , beide mit »Apps« vertreten, erzählten ihm, dass der Münchner Flughafen jetzt auch dicht war. Gut, dass wir es wissen. Die Anzeigetafel auf dem Bahnsteig meldete inzwischen, dass unser Zug zehn Minuten Verspätung hatte. Lenz checkte das auf einer sich eigens mit Zugverbindungen befassenden »App« und bezichtigte die Anzeigetafel der Lüge, die »App«, also recht eigentlich das iPhone, wusste nämlich nichts von einer Verspätung. Die Anzeigetafel irrte tatsächlich, denn der Zug hatte nur acht Minuten Verspätung, was aber auch nicht im iPhone stand. Dann suchten wir uns einen Platz. Das ging gerade so, aber vom Start weg rumpelte der Zug so entsetzlich vor sich hin als wären wir im Sturm auf hoher See. Das ist die Unwucht, erklärte ein Passagier, der Zug ist zu voll und irgendwo stehen wohl zu viele auf einem Haufen. Aha? Lenz schlug sofort das Wort Unwucht im iPhone nach und deklamierte: »Unwuchten führen zu Vibrationen und erhöhtem Verschleiß, weshalb sie durch Gegengewichte ausgewuchtet werden.« Schnell sah er sich um: Wer wuchtete uns den Zug nun aus, die schreiende Jungmännerriege im Gang, schließlich standen die sehr dicht beieinander, oder all diese vibrierenden Alu-Trolleys, die man nur mal in die richtige Position bringen sollte? Egal, Unwucht macht müde. Ich selber konnte das eigene Klein-i überhaupt nicht bedienen (wegen der Unwucht halt), denn bei dieser Schaukelei rutschten die Finger ab und eine schnell zu beantwortende eMail wurde zur Schwerarbeit, dke... ml ml ... mlde mich mmmmont, ach was, lass sein.
Herr Lenz killte unterdessen Federvieh mittels der Moorhuhn-App. Ich fand sein Verhalten grob unhöflich, schließlich saßen wir einander gegenüber und hätten reden können. Ich rief ihn an, um ihm das mitzuteilen, was aber zur Folge hatte, dass er sich den eingehenden Anruf empört ansah, nicht ranging und lauthals die Frage stellte: »Bist du bescheuert?« Jetzt wusste er nicht, wie er ins Moorhuhn-Killen wieder reinkommen sollte, nämlich am Level weiterkratzen, das er schon erreicht hatte, also guckte er wieder die Nachrichten durch: »Merkel«, erzählte er, »hängt auch fest.«
»Die sollen sie mal dabehalten«, mischte sich eine Reisende ein, der kurz vorher der eigene Alu-Trolley auf den Fuß gefallen war, ein Schmerz, der jetzt erst so recht zum Ausbruch kam: »DIE MUSS ICH HIER NICHT MEHR HABEN!«
»Sie wird mit einem Bus weiterfahren«, las Lenz ungerührt aus einer App ab, »für die Gesundheit harmlos.«
»Merkel?« fragte die Mitreisende, »oder der Bus?«
»Die Asche«, sagte Lenz, also der an der Unwucht irgendwie schuldige Eyjafjallajökull (lesen Sie es mal von hinten). Vielleicht kriegen wir einen vulkanisch veränderten Sommer. So um null komma zwofünf Grad kälter oder so.
