“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

9. Mai 2009 · 12:31

Techie (9)

Der Flug mit Herrn Lenz dauerte 70 Minuten. Die waren sehr lang. Kaum in der Luft beschrieb er ausführlich all die schrecklichen Flüge, die er schon hinter sich bringen musste. So scheint es immer dann missglückte und wiederholte Landeanflüge zu geben, wenn Lenz an Bord ist, und um diese Schilderungen irgendwie aufzuhalten, fing ich an, mein Handy nach einem Foto seiner Katze Mimi (Mimimimimi) zu durchsuchen, das ihn beruhigen könnte. Das hatte aber Konsequenzen. Er berichtete gerade von einem furchtbaren Unwetter im letzten Herbst (Flieger und Lenz über Basel-Mulhouse), schwieg dann mitten im Satz, um schließlich zu schreien: »Mach das Ding aus!«
Ich sah seinen ausgestreckten Finger auf das Handy deuten: »Umgotteswillen, wir fliegen!«

Aber das Ding befindet sich im Flugmodus.
Ja eben!
Siehst du dieses Symbol? Das kleine Flugzeug in Orange bedeutet: Flugmodus an.
Es muss aber aus sein!
Es ist ja auch aus.
Es leuchtet!
Schon, man kann aber weder telefonieren noch mailen noch sonst etwas Gefährliches tun.
Oh doch, sagte Lenz. Ein Handy sei komplett auszuschalten! Alles oder nichts, richtig oder falsch, wie im Leben auch. Wie im Idealzustand des Lebens, fügte er hinzu, ganz oder gar nicht, aber nicht dieses in der Schwebe belassene, verzagte ein bisschen.

Dummerweise erzählte ich nun, dass es sich schon komplett ausschalten ließ, bloß hatte ich vergessen, wie das ging.
Ja eben, fing er an seinen gesellschaftskritischen Ansatz zu vertiefen, so sei das, weil kein Mensch mehr heutzutage (wenn Sie heutzutage hören, müssen Sie sich immer warm anziehen), also heutzutage klare Grenzen ziehen kann. Kein Mensch! Wissen die Leute denn heutzutage noch, was sie wollen? An oder Aus, I oder 0, da kann sich keiner mehr entscheiden. Guck dir all die voneinander angeödeten Paare an, die behaupten, für ein Aus (0) seien sie doch viel zu souverän und dass man es spielerisch angehen könne, nicht wahr, I, 0, I, 0, wie auf einem Touchscreen, ein bisschen Aus, ein bisschen Ein, einmal I und wieder 0.
Ich musste zugeben, nicht mitzukommen.
»LASS UNS FREUNDE BLEIBEN«, krähte Lenz durch den Flieger und dass das halt nicht ginge, nirgends, nie und nimmer, guck dich doch um!
Ich wollte mich nicht mehr umgucken, nicht hier, ich versuchte im Sitz zu verschwinden und übersah die Stewardess. Lenz nicht, der hatte sie gesehen, Lenz nahm mir das Handy aus der Hand und sagte: »Sie kann das nicht ausschalten, können Sie das?«

Nie zuvor ein so tiefes Bedürfnis verspürt, jemandem Kaffee ins Gesicht zu schütten. Aber der Becher war schon leer.