amtsmüde

Vernissage

11. Januar 2010 · 23:29

Paare
Abstrakt, sagt der Mann. Na ja, sagt die Frau. Der Mann legt den Kopf schief und schaut aus dieser neuen Perspektive auf das Bild. Kein Unterschied. Abstrakt. Drüben, siehst du, ist er anschaulicher. Fassbarer. Drüben ist Linie drin, in den Bildern hier dagegen nicht, da hat man sich etwas gedacht dabei, dass man die so getrennt voneinander präsentiert. Feuer und Wasser. Eine Linie und das Nichts. Oder, wie soll man sagen: hier bloß versucht. Drüben gemalt.
Ein anderer Mann sagt zu einer anderen Frau, dass diese Stümper alles abstrakt finden, was farblich – ehm –
Bunt? schlägt sie vor. Das Bild ist nämlich farbenfroh.
Ach nein, findet er, bunt ist kein Cluster.
Pause.
Die Pause dehnt sich.
Cluster, flüstert sie schließlich – also, sag mal –
Dann kommt aber Mann 1 wieder vorbei und sagt den einen, schrecklichen Satz: Das könnte ich auch. Mann 2 ist außer sich. HAT ER ABER NICHT!

Noch mehr Paare
Der Maler, da drüben steht er! Oh, das ist aber gewagt.
Was, das Hemd?
Nein, die Jeans. Die ist ja derart zerfetzt, da sieht man doch glatt – tust du aber nicht.
Ist der Maler schwul? Wegen dem Bild da drüben, das ist ein so sanftes Kerlchen.
Nein, das ist eine Frau.
Auf dem Bild?
Ja, denkst du, ich meine den Künstler?
Das ist keine Frau.
Jetzt guck doch hin!
Aber dazu haben sie sich ja eingefunden. Zum Hingucken.

Mädels
Sie sind immer da und immer zusammen. Und sie sind ja sofort in den Künstler verliebt, sobald sie seine Bilder sehen. Und sie können Dinge in den Bildern sehen, die sie im wahren Leben nie begreifen würden, der rote Streifen da: Angst. Am Tag ist sie unangenehm, in der Nacht steht man da und lacht sie weg.
Die ganze Zeit über begrüßen sie jauchzend die Neuankömmlinge, und die frohlocken dann zurück, ihr auch hier? Welche Frage, sie sind doch immer hier. Und da und dort und überall. Nur manchmal, wenn jemand in der Nähe steht, der nicht so passend ist, rücken sie näher zusammen und rollen mit den Augen, als hätten sie – halt mich fest – einen Postbeamten gesehen.

Jungs
Das Bild ist ja grün! Durchweg grün. Die neue Farbe! Einer sagt, seine ganzen Accessoires sind grün, hat er instinktiv schon immer so gemacht. Einerseits Reduktion. Andererseits Vielfalt. Also seegrün, erbsengrün, giftgrün, tannengrün, spinatgrün, oliv und türkis –
Nein, halt! Türkis kippt ins Blaue.
Echt? Ich halte das für Grün.
WENN ICH ES DIR SAGE!
Was sagst du?
Blau!

Alle, viel später
Wo ist eigentlich der Künstler? Nu isser weg. Gehört sich das, so einfach abzuhauen? Er musste zur S-Bahn, hat jemand gehört und das ist der Witz der Nacht, zur S-Bahn? Wobei ihnen einfällt: die Witterung. Zu Fuß ist zu glatt. Und Taxi kann er sich nicht leisten. Er hatte doch seinen Durchbruch noch nicht. Aber der kommt schon noch, der kommt.