“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

25. September 2009 · 19:09

Wahllokale

Bei der letzten Wahl gab es einen, der es schön fand, am frühen Morgen vor dem Wahllokal zu trinken. Er setzte die Pulle an und konnte die ersten Wähler beobachten, die halt so angeschlichen kamen, so langsam, als überlegten sie noch, wen denn jetzt und warum. Das war ganz anders als in der Stadt allem auszuweichen, dem Gewusel, dem Gerenne. Dann ging er rein, aber es gab ihn nicht. Die sagten ihm da drin, er wäre nicht verzeichnet, worauf er meinte, verzeichnet vielleicht nicht, aber leibhaftig. Sie schickten ihn woanders hin, da ging er in die Kneipe.

Es wäre aber sehr schön, man würde nicht nur den Wahlwilligen, sondern auch den Begriff Wahllokal ernst nehmen und etwas anbieten. Die statistisch so unheimlichen Unentschlossenen könnten beim Genuss einer Schokotorte erst in sich, dann zum Wahlautomaten und schließlich geschlossen ins Internet gehen, um mit getwitterten Tortendiagrammen den Demoskopen in die Suppe zu spucken.

Zur Schau gestellt wird das Ganze dann von den im Fernsehen chronisch unterbeschäftigten Moderatoren Kerner und Pilawa, die als letzte Reminiszenz an die Wahlforschung die Verfassung der die Volksvertreter Befragenden (»Woran hat's gelegen?«) als Punktdiagramm präsentieren.

Und wo bleibt da Umfragen-Jörg Schönenborn? Er sollte in Köln sein. Am Abend vor der Wahl wird im Ossendorfer Coloneum, ästhetisch etwa so reizvoll wie ein Wahllokal, der Deutsche Fernsehpreis verliehen. Leider kann man nicht erwarten, dass die Disziplin Zeigen & Vorlesen von Torten- und Säulendiagrammen schon preiswürdig ist, aber man hätte Mut beweisen und Herrn Schönenborn wenigstens moderieren lassen können. Denn die Nominierten in ihren Kategorien ließen sich trefflich in Säulen- und Tortendiagrammen aufbereiten, und möglicherweise, je länger der Abend dauert, auch die geladenen Zuschauerinnen und Zuschauer in einem Blasendiagramm. Im Gegenzug hätten dann am Wahlabend Wolfgang und Anneliese Kerner und Pilawa in einer Wahlurne versteckt und die Stimmung im Land in ein spannendes Netzdiagramm gepackt, schon deshalb, weil es an diesem Fernsehabend keinen Tatort gibt.