15. März 2009 · 16:48
Wir fahren durch Berlin
Dem Berliner Taxifahrer die Adresse genannt und im selben Moment gewusst: das wird schwierig. Mauerstraße. Er: Das muss an der Mauer sein – also früher, da hätte man sagen können: fahren Sie zur Mauer. Als es bedrückend war, zur Mauer zu fahren, da hätte man – aber er fuhr los.
Ich selber besitze keinen Orientierungssinn. Zwar kenne ich die Mauerstraße, wollte aber noch nie aus jener Gegend hin, in der ich diesen Taxifahrer traf.
Der war ziemlich süß. Erzählte, dass er noch nicht lange dabei ist, eigentlich studiert er ja Kunst. Er gehört also zu den vielen Leuten, die ihre Mitmenschen auch rundheraus fragen, falls die ihnen beispielsweise erzählen, sie jobbten gerade beim Kurierdienst: Und was machst du eigentlich? Eigentlich, soll das heißen, ist man hochbegabt und viel zu gut für diese Welt, bloß die Umstände –
Die Umstände erzwangen nun, dass dieser Mann Taxi fuhr. Das Mutige an ihm war: er tat es einfach, er fuhr durch halb Kreuzberg und schien dann Kurs auf Tempelhof zu nehmen, als mir einfiel: Friedrichstraße! Er müsste Richtung Friedrichstraße.
Das hätte ich doch gleich sagen können, meinte er völlig zurecht und fing wieder an, merkwürdige Ornamente zu fahren. Ich schlug ihm vor, die Navi zu befragen, aber er meinte, die hätte keine Ahnung. Irgendwann, als wir beide komplett aus Raum und Zeit zu fallen drohten, fiel mir wieder etwas ein, das dauert halt immer: befrag doch mal dein Handy. Also den Ortungsdienst aktiviert und fast die Contenance verloren: sind wir überhaupt noch in Berlin? Wo sind wir?
Ist das ein iPhone? wollte er wissen, hielt an und setzte zu einer Art konsum- und warenkritischer Bestandsaufnahme an: viel zu groß und viel zu schwer, wird nur an hypeversessene Personen verfüttert, die auch nur bestimmte Jeans kaufen, und ist generell sehr unpraktisch und ästhetisch völlig unerotisch.
Ästhetisch völlig unerotisch.
Er selber ja eher ein Freund von kleinen, schnuckeligen Klapphandys, die steckt man in die Tasche und gut ist. Er kauft auch längst nicht jede Jeans, dass das mal klar ist. Das Ding hier – er knallte eine Hand aufs Display – will doch permanent geputzt werden: guck mal, wie das aussieht!
Und wo sind wir? Er fing wieder an, die Karte auf dem Handy zu studieren – das ist Quatsch, sagte er, hier gibt es kein Café. Warum malen sie da ein Fähnchen hin?
Aber es gibt eine Mauerstraße, versuchte ich es ein letztes Mal. Aber vielleicht sind inzwischen Jahre vergangen und es gibt sie nicht mehr.
Ja, sagte er ernst. Da fahren wir auch hin.
Sind wir angekommen? Irgendwann schon. Aber das einzige, was in Erinnerung bleiben wird, ist dies:
»Ästhetisch völlig unerotisch«.
