“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

15. Oktober 2008 · 22:10

Zehn Minuten rundum

In diesem Hotel bieten sie, zwischen Treppe und Aufzügen, den zehn-Minuten-Rundum-Workout als besonderen Service, auch schon am Morgen. Für wen ist das? Für geschäftsreisende Frauen, sagt Gaby: Stretchen. Progressive Muskelentspannung. Eher für Frauen, sagt sie, Männer machen das nicht.

Unter der Decke ein Fernseher. Der zeigt die Bundeskanzlerin. Eine Kundin beschwert sich, stretchen sei aber keinesfalls rundum. Aus dem Fernseher tropft grausamer Kitsch: Dies ist die Stunde des Parlaments. Stretchen, mosert die Kundin, sei nur eine Art Vorbereitung auf das Rundum. Im Fernseher die Kanzlerin mit heruntergeklappter Kinnlade, also gar nicht richtig muskelentspannt, weil sie einen HRE-Aufsichtsrat als Berater vorschlägt, was aber lautstark missbilligt wird.

Stretchen, sagt die Kundin, könne sie zu Hause nämlich auch, das muss sie hier nicht machen, da hätte sie lieber sofort die Muskelentspannung. Im Fernseher sagt Westerwelle, dass wir an diesem Tage alle Patrioten sind.
Ohne Stretchen, sagt Gaby (sie heißt wirklich so) könne aber Schlimmes passieren, davor kann sie nur warnen. Im Fernseher eine Wetterkarte mit hampelndem Frosch davor, als hätte Gaby ihn bestellt.

Gaby kaut an den Nägeln, weil sie ihre Kundin nicht gebändigt kriegt. Der ganze Streit hat jetzt zehn Minuten gedauert, in dieser Zeit wäre die Kundin nahezu runderneuert gewesen. Der Dax, blinkts im Laufband des Senders, rauscht auch schon wieder runter. Wie die Kundin beim Rundum-Workout benimmt sich auch der gemeine Börsianer: man weiß nichts zu schätzen.
Das Hotel bietet den zehn-Minuten-jetzt kennen Sie das Wort als Highlight an, vorher war an dieser Stelle ein Pflanzenmeer, das kein Mensch mehr gegossen hat.