“Reality is frequently inaccurate” (Douglas Adams)

8. Juni 2010 · 18:09

Zubehörteile

Liebes Tagebuch!

Erst gab es am Telefon eine mit Shakira unterlegte Warteschleife, wohl wegen der WM, zu der unsere Jungs fast nicht rechtzeitig gekommen wären, weil Shakira mit halbstündiger Verspätung dasselbe Flugzeug anpeilte - so ähnlich war das jedenfalls überall zu lesen. Dann übernahm eine freundliche Frau, die mich anwies, eine für die telefonische Bestellung von Zubehörteilen unerlässliche Zahl zu nennen. Reicht denn der Name nicht, wollte ich wissen. Nein, sagte sie, ich brauche die Zahl. Diese Zahl musste ich erst suchen, und als ich sie endlich vor Augen hatte, verdrehte ich Ziffern in der Zahl, was mir sehr oft passiert und schon alle meine Mathelehrer ratlos zurückgelassen hat (bis auf einen, der mir eine Art Dachschaden unterstellte, was Zahlen betrifft). Als wir die Ziffernfolge endlich geklärt hatten, rief die Frau am Telefon laut meinen Namen. Ja, sagte ich, das hätten wir doch gleich haben können. So herum ginge das aber nicht, teilte sie mit, erst braucht sie die Zahl, um dann den Namen ausfindig zu machen – umgekehrt kommt sie nicht drauf, sie kriegt also die Zahl nicht heraus, nur weil ich ihr einen Namen nenne. So ist das System, sagte sie, daran müssen wir uns halten.

Nun durfte ich Zubehörteile bestellen. Noch vor Abschluss dieses Vorganges fragte sie: Habe ich nicht letztens ein Buch von Ihnen gelesen?
Das weiß ich nicht, sagte ich, worauf sie eine ausführliche Zusammenfassung lieferte. Als ich den Inhalt wiedererkannte, wollte sie wissen, wie lange man für so etwas braucht. So etwas kann dauern, gab ich zu bedenken, manche sind aber auch sehr schnell. Manche lassen es besser ganz, sagte sie und ob ich dieses schreckliche Buch von Eva Herman schon – nein? Das hat sie direkt nach »Scheißkerle« gelesen, und »Scheißkerle« mochte sie sehr gern, weil sie sich wiederfand, sinngemäß, nicht aber bei Eva Herman!

Warum muss man sich eigentlich immer wiederfinden beim Lesen? Hat man sich denn verloren? Kann man nicht einfach mal einen Blick ins Unbekannte, Fremde wagen? Es blieb aber keine Zeit, das zu erörtern, denn wir plauderten noch über »Dackelblick« und die Rückkehr des »Moppel-Ich« (»Dackelblick« ist aber nicht der Untertitel von »Scheißkerle«, das ist, wie der Bayer sagen würde, ganz ein eigenes Buch) und streiften schließlich kurz die Frisur, dann das Werk des Herrn Precht. Es stand immer noch ein Zubehörteil aus, als sie fragte, ob ich schon diesen schwedischen Krimi gelesen hätte, dessen Titel ihr auf der Zunge lag. Nein, antwortete ich wahrheitsgemäß, Krimis lese ich so gut wie nie, gucke sie aber gerne im Fernsehen. Sie selber, erklärte sie – und da fiel mir direkt noch ein weiteres Zubehörteil ein – sie selber lese Krimis nicht nach 20 Uhr, wegen der sich dann einstellenden Geräusche im Kopf. Das verstand ich gut, lese ich selber doch ungern Sachbücher, in denen Symptome geschildert werden, weil ich sie in ihrer Summe dann spätestens auf Seite 21 f habe. Wenn das Buch gut ist und ich bis zum Ende durchhalte, werde ich auch nur sehr wenige der Symptome wieder los.
Da müssen Sie ja chronisch krank sein, sagte sie.

Wir hatten dann nach einer Stunde oder so sämtliche Zubehörteile beieinander, als sie feststellte, dass Zubehörteil 2 gar nicht lieferbar war. Wozu brauchen Sie das, wollte sie wissen. Ich selber brauche das nicht, aber mein Mann will das haben. Kann der nicht selber bestellen, fragte sie (sie muss »Scheißkerle« drei mal gelesen haben). Ja schon, sagte ich, aber weil Zubehörteil 1 und 3 für mich sind, dachte ich mir –
Dann die Erkenntnis: WARUM ERZÄHLE ICH IHR DAS ÜBERHAUPT? Stille trat ein. Statt Zubehörteil 2, sagte sie schließlich, hätten sie eines, gleichsam ein Zubehörteil 2A, welches das eigentliche Zubehörteil 2 komplett ersetzen könne. Ja, flehte ich sie an, machen Sie.
Soll ich gucken?
Ja! Bitte!
Ein Momentchen, flötete sie und irgendwie waren wir wieder beim Anfang. Eine Warteschleife. Shakira sang.

Zubehörteil 2A war auch nicht lieferbar.
So läuft zur Zeit das Leben vor sich hin.