Und Harry?

In den Nachrichten, zwischen CDU-Parteitag und Irlands Bankenkrise, die Meldung, dass Prinz William zu heiraten gedenkt. Nämlich seine langjährige Kate, mit der er sich bereits, so fährt die Meldung fort, im Sommer verlobt hat. Das erinnert mich an den journalistischen Elan, mit dem der örtliche Rundfunk dereinst die Frisur des gegenwärtigen hessischen Ministerpräsidenten zum Gegenstand zweier Expertengespräche machte, damals zwischen Roma-Abschiebung und Anti-AKW-Demo: dass nämlich der jetzige MP mit seinem langjährigen Mittelscheitel Negativpunkte sammelte! Bei den Redakteuren? Nein, bei einer Imageberaterin. Die kam zu Wort, die AKW-Geschichte war gerade durch, und sie sagte, dass erstens der Mittelscheitel des MP zweitens zu blond sei.
Und dann sprachen die Redakteure mit dem MP.

Ich, sagte B., der MP, und man konnte das gelassen-milde Lächeln in seiner Stimme förmlich hören, ich brauch doch kein Image, und dann ging er zum Friseur. Die Redaktion freute das so sehr, dass sie tags darauf erst über Stuttgart 21 und dann über Frisur 2 berichtete: Hessens MP trägt jetzt einen Seitenscheitel! Dazu befragten sie erneut die Imageberaterin, die sich darüber freute, dass der MP endlich, endlich den Scheitel von der Mitte zur Seite gezogen hatte (ganz als hätte sie es ihm geraten), die aber dennoch zu mäkeln hatte: das nun korrekt gescheitelte Haar sei immer noch zu blond für einen Mann seines Alters. Von Natur aus, sagte die Imageberaterin, das muss man jetzt vollständig zitieren, »von Natur aus die Seriosität geschenkt bekommen nur die Dunkelhaarigen.«

So war das damals. Gestern wurde der seitlich zu blond Gescheitelte zum stellvertretenden CDU-Vorsitzenden gewählt, was natürlich unterging in den vielen Berichten über die Stadt Heppenheim, in der die Reporter alle fünf Minuten O-Töne aus der Bevölkerung sammelten, zum Beispiel: Wieso fliegt unser Vettel schon wieder nach Abu-Dings, um neue Reifen zu testen, wenn wir ihn hier in Heppenheim empfangen wollen? Und die Stadt Heppenheim, kritisiert ein Kommentator kurz vor dem Wetter, kommuniziert nicht richtig, dass Vettel ein Heppenheimer ist! Sie könnten mehr daraus machen, sie tun es nicht!

Heute, nach einem weiteren sehr tief grabenden Bericht – Vettel, heißt es, weint nicht mehr vor Glück, also: zwei Tage nach dem grandiosen Sieg weint er nicht mehr – sprach sich Merkel gegen die Präimplantationsdiagnostik aus, kam die Einschätzung eines Experten zur Finanzlage in Irland (Danke für Ihre Einschätzung!) und dann: Prinz William will heiraten. Kate. Aber was ist mit Harry? Und welche Auswirkungen hat die beabsichtigte Eheschließung (Verlobung, wie gesagt, bereits im Sommer) auf die Thronfolge? Und was ist mit Harry? Ist denn niemand dazu in der Lage, Danke für Ihre Einschätzung, uns zu vermitteln, was Lisbeth die Queen zu Camilla gesagt hat, als sie erfuhr, dass William heiratet? Und Camilla zu Charles? Oder sprechen die alle schon längst nicht mehr miteinander? Haben die überhaupt jemals miteinander gesprochen oder müssen sie Nachrichten hören, um zu erfahren, wer gerade wen und warum? Dinge, die recherchiert werden wollen, genau, und was, bitteschön, ist mit Harry?

Wer sind Sie

Ich wollte eine Geschichte erzählen, Mimikry, die ging dann als ein Krimi durch. Ich kannte mich mit Krimis gar nicht aus.

Sie wurde fortgesetzt, mit Sterntaucher, und ich kannte mich mit Krimis immer noch nicht richtig aus.

Es folgten Die ungeschminkte Wahrheit (Deutscher Krimipreis) und Die Höhle der Löwin (Glauser, also auch ein Krimipreis), und ich dachte, jetzt kenn' dich da mal aus.

und was tun Sie da?

Mit Feuertod habe ich das Buch geschrieben, das ich immer schreiben wollte, ganz egal, ob Krimi oder nicht, und ich fand danach ein Lichtenberg-Zitat: “Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen.“

Zum Beispiel Tatort, Der Kriminalist und anderes und mehr.

Oder mal nichts.

Aber dann.