Hallo Wien

Die Kellnerin fragt: Haben noch einen Wunsch? Sie hat das so gelernt, sie spricht den Gast nicht an. Eine Frau hatte gleich morgens einen Wunsch, sie wollte auf den Friedhof. Besichtigen? hat die Kellnerin gefragt und sich im selben Moment gedacht, ach geh, frag so was nicht. Aber, sagt sie, man darf sich nichts anmerken lassen, auch wenn man das falsche sagt oder fragt. Oder sieht – wie bei dem Maler, der ihr Skizzen zeigt und meint, das wär das Leben. Gucken’s net so damisch, sagt er, ein Moleskine schwenkend, nur weil sie gefragt hat: Und das? Etwas Verschwommenes hat sie gesehen, etwas Gebücktes, und sich gefragt: wo ist hier Leben? Gucken’s net so damisch, sagt er, das san Sie! Sie fand das nicht sehr freundlich, sagte aber stoisch: So, aha.

Etwas Verschwommenes, Gebücktes, das ist ihr dann jedes Mal eingefallen, wenn sie bediente. Triste Farben, das san Sie! Solche Leute hat sie um sich, jeden Tag. Oder: Paare. Seit Jahren bedient sie ein Ehepaar, das gemeinsam das Kaffeehaus betritt und sich an getrennte Tische setzt. Die Frau liest Zeitungen, der Mann macht nichts. Aber wirklich nichts. Das heißt: er beobachtet seine Frau. Wie sie blättert und liest und blättert und liest. Sie schaut nie hoch, vielleicht gefällt ihm das, sie guckt sich keine anderen an. Wenn sie ihre Zeitungen gelesen hat, zahlt sie für ihn mit – »Der Herr da drüben geht auf mich« – und dann steht sie auf und wird verfolgt vom Herrn da drüben.

Solche Gäste, Tag für Tag. Abends zieht sie noch einen missmutigen Hund durch die Straßen, dem sie an jeder Ecke sagen muss: bald bist daheim. Der Hund ist lauffaul und so alt wie sie, grob gerechnet, in Hundejahren. Im Nieselregen kommt einer auf sie zu und sagt: Scheißwetter. Sie meint, es wär vielleicht ein Gast, aber abends, sagt sie, erinnert sie sich nicht. Gäste sind nur für den Tag und haben abends keine Gesichter mehr. Wie geht’s, fragt der Mann, wie soll’s gehen, fragt sie zurück, und er meint: ja gehen’s!
Dann langsam zurück. Der Hund will getragen werden. Sie selbst am liebsten auch. Ganz müde Füße. Die Kellnerin in Wien.

Wer sind Sie

Ich wollte eine Geschichte erzählen, Mimikry, die ging dann als ein Krimi durch. Ich kannte mich mit Krimis gar nicht aus.

Sie wurde fortgesetzt, mit Sterntaucher, und ich kannte mich mit Krimis immer noch nicht richtig aus.

Es folgten Die ungeschminkte Wahrheit (Deutscher Krimipreis) und Die Höhle der Löwin (Glauser, also auch ein Krimipreis), und ich dachte, jetzt kenn' dich da mal aus.

und was tun Sie da?

Mit Feuertod habe ich das Buch geschrieben, das ich immer schreiben wollte, ganz egal, ob Krimi oder nicht, und ich fand danach ein Lichtenberg-Zitat: “Man muss etwas Neues machen, um etwas Neues zu sehen.“

Zum Beispiel Tatort, Der Kriminalist und anderes und mehr.

Oder mal nichts.

Aber dann.